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Die Damen

Full text: Berlin und die Berlinerin / Ostwald, Hans (Rights reserved)

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ihrer Seite, rennen junge und alte Blumenverfäufer beiderlei Gefchlechts 
mit dem Unfenruf: Ein’ Silbergrofjchen! Ein’ Cilbergrofchen! Es 
grüßen fich die Bekannten in den aneinander vorüberrollenden Wagen 
und manche Dame der Demi:monde, mit oder ohne Camelie, entfaltet 
heimlich das fleine Billet, das ihr ein leidenfchaftlicher Korfar in roter Huz 
Jarentracht alg Enterhafen zugemworfen hat, unbefümmert ober vielleicht 
recht vergnügt darüber, daß der Blik und das ftille Lächeln der einfamen 
Schönen In der feinen Equipage dem alten abmefenden Herrn, der [ein Geld 
bei der jungen Dame angelegt hat, ein derbes X für ein U zu machen ver: 
Ipricht.“ 
Noch ein anderes Vergnügen zog damals Frauen aus allen Kreifen 
an: Die Eigsbahn bei ver Rouffeauinfel im Tiergarten. Yus den Zufchauer- 
innen der Eisbahnen der Biedermeierzeit waren in wenigen Jahrzehnten 
flotte und grazisfe Läuferinnen geworden. Schon in der Mitte der fechziger 
Vahre [hilderte Schmidt-Weißenfels die Tiergarten-Cisbahn, mie fie noch viele 
Lebenden aus den neunziger Jahren kennen, als noch nicht alle möglichen 
gegoffenen Bahnen und ver Eispalaijt die Chlitt{hubhläufer zerftreuten: 
„Wenn die Sonne am höchften {teht, bevölfert [ich jener Zeil des Tier: 
gartens, mo die Gemwähfer im Sommer am meiften Malaria entwideln. Im 
Minter, wenn es friert, bilden fie eine der befuchteften und angenehmiten 
Eisbahnen. Die elegante Welt der Hauptftadt giebt fich hier Mendezvous, 
die Garde und die jeunesse doree, die Märchen des Seheimratsviertelg und 
Damen noch höherer Art, auch geringerer, mit over ohne brüderlihe Bez 
gleitung, verfammeln fich Bier, fie [chnallen fich den Stahl unter die Ctiefeln 
und laufen Echlittichub, eine bunte, fich tummelnde Gefelljhaft mit rofigen 
Mangen und roten NMajen, der zuzufchauen nicht ohne Reiz ijt. Um feinen 
Preis müurden die edlen Berlinerinnen dies in leßter Zeit Mode gewordene 
MWinterveranlügen mieder aufgeben, denn es ift zu bemerken, daß es vor 
allem die Damen find, die um die fogenannte Rouffeau = Injel herum: 
hmwärmen, und daß ihretwegen die Männermelt für das Chlittchublaufen 
in jener Gegend ein unausrottbares tendre fühlt. Nicht etwa, daß es fich 
dabei um das vielfeitige Veranlgen handelt, die Damen vahinjchwirren, 
Holländern und vielleicht auch fallen zu jehen — vo nein! ein tieferer, etdlerer, 
wahrhaft philantropijcher Sinn licgt in diefem Spiel der Beine. 
E8 läßt fich nämlich nicht leugnen, vaß bei der fatiftijch feltgeftellten 
Majorität des meiblichen Gejchlechts gegen das männliche und bei der immer 
ftärferen Anhänglichteit des Ickteren an die Lchre des Paulus: „Heiraten 
ift gut, aber nicht heiraten noch befier“, die Bedrängnifje der heiratsluftigen 
Mädchen in bedenklicher Art fich fteigern. In den großen Städten mie Berlin 
find öffentliche Gejellichaften dem Terrorismus eines minder auf reelle
	        
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