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Die Damen

Full text: Berlin und die Berlinerin / Ostwald, Hans (Rights reserved)

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Der Herzog hatte die Genugtuung, daß Frau von Paalzow fich für übermunden 
erflärte. 
Frivolere Spielereien konnte man mobhl nicht gut treiben, als es Ddiefe 
den rückftandigen Kreifen Ungehbrende getan. Da ging es in den Salons 
der Jüdinnen doch ernfter und bedeutfamer zu. Berdromw bringt in feinem 
Merk über die Rahel einen Bericht über einen Ybend in ihrem Salon, von 
dem ich einiges mitteilen möchte, um einen Einblid in das gefellfchaftliche 
Leben von damals zu vermitteln: 
„Sch mar zeitig auf dem Plake und vernahm, Frau von Varnhagen 
fei noch ganz allein. Ein erftes Zimmer ließ durch offene Slügeltüren in 
ein zweites bliden, wo ich fie an einem Zifch figen und Iefen Jah, mährend 
ein Kind an ihrer Seite eingefchlafen lag. Ich ftand einen Yugenblit und 
{ah mir dag Bild an. Ernfte Gemütsruhe und heiteres Wohlmollen waren 
der Yusdrudc ihrer Zlge, die fich nicht belaufcht ahnten; ihre Meine, gedrungene 
Geftalt, ihr Mares, feines SGeficht, troß der Yahre und langmwieriger Kränf- 
lichfeit noch von bemundernswerter Frijche, ihre feite und leichte Haltung, 
alle® mar in einer gemwiffen Übereinftimmung, die meinen Sinn lebhaft 
anfprach. Als jie meine Tritte hörte, Ichob fie den Tifch etwas ab, wandte 
fich mir entgegen und fagte, mit leifer Stimme auf das [chlafende Kind 
deutend, ich möchte verzeihen, fie habe nicht den Mut, das Glück zu ftören! 
Sch bat natürlich, dies ja nicht zu tun. Wir fprachen dann das nötige von 
rau von Helwig und ihren Einführungszeilen, von meinem bisherigen 
Nufenthalt und feiner ferneren Dauer. UYuf meine Frage, ob das Kind 
ihre Nichte, erwiderte fie: Es ift die Tochter meiner Nichte, aber ich liebe 
es wie mein eigenes Kind. In ihrem Tone war dabei eine zartliche Innigkeit, 
die mir zu Herzen drang, ich fühlte die lebendige Wahrheit ihres einfachen 
Wortes. 
Frau von BVarnhagen fagte, ich fei ihr alg Mufiffreund empfohlen, 
und freute fich, daß ein paar [höne Stimmen fich zum UWbend bei ihr an- 
gefagt, auch mürde vielleicht Fürft Radziwill fommen, der jede Gelegenheit, 
Mufik zu hören und zu üben, gern mahrnehme; er fei der größte Mufikfreund, 
den fie je gefehen; er übertreffe darin weit den berühmten Jürften Xobfowis, 
der freilich größere und lärmendere Mittel aufzumeijen gehabt. Aber Rad- 
zimilig Leidenfchaft fei ernjter und tiefer, und feine Kompofifionen zu Goethes 
Sauft reibten ihn den großen Meiftern an. Wir Iprachen nun vom SGefang 
und namentlich von Liedern und deren Vortrag, mo denn Frau von VBarn- 
hagen der einfachen großartigen Weife, mie Madame Milder deutfche Lieder 
zu fingen pflegte, volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, aber hinzufügte, 
eigentüumlicher und rührender habe fie dergleichen nie fingen hören, als 
or mehreren Xahren von einem Schwaben Srüneifen, der habe ihr ordentlich
	        
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