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XXVII. Die verantwortungslosen "höheren Stände". Treitschke, Schmoller / Gräfin Dohna: Der grüne Gürtel der Großstadt

Full text: Das steinerne Berlin / Hegemann, Werner (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

Julius Faucher hatte noch gehofft, daß die »gebildeten Klassen« Wi- 
derwillen gegen diese »Summe von Unkultur« verspüren würden. Der 
Kranz von Landhaus- und Gartenvorstädten, der Berlin vor 1870 zu um- 
geben anfing, schien Faucher recht zu geben. Nach dem Kriege von 1870 
„verbreitete sich« dann, um mit Nietzsche zu sprechen, »der Irrtum, daß 
auch die deutsche Kultur in jenem Kampfe gesiegt habe und deshalb mit 
den Kränzen geschmückt werden müsse, die so außerordentlichen Erfol- 
gen gemäß seien«. Damals söhnten sich auch die »gebildeten Klassen« 
Deutschlands mit der Mietkaserne aus, die ihnen das siegreiche Berlin 
als die zeitgemäße großstädtische Wohnungsform bescherte. Statt Wi- 
derwillens gegen die Mietkaserne wurde (das Folgende sind wieder Worte 
von Muthesius) ȟberall der billigste Surrogatschwindel mit Behagen 
entfaltet. Es herrscht allein das Bestreben, dem Urteilslosen durch Prunk 
der Ausstattung zu imponieren. Die Etagenwohnung wird von den un- 
gebildetsten Elementen des Volkes geliefert und von den gebildetsten hin- 
genommen. Wäre nicht der deutsche Geschmack auf einen kaum zu un- 
terbietenden Tiefstand gesunken, wäre nicht das Gefühl für die einfach- 
sten Forderungen der Gediegenheit, für ruhigen Anstand und vornehme 
Zurückhaltung gänzlich untergraben, so müßte es für den Gebildeten 
ebenso unmöglich sein, in diesen Etagen zu wohnen, als er es abweisen 
würde, schlechtsitzende Kleider aus schäbigen Stoffen zu tragen, die äußer- 
lich prätentiös aufgemacht sind. Die Forderung der Gediegenheit und 
geschmackvollen Zurückhaltung auch an die Wohnung und den Hausrat 
zu stellen, versagt der heutige Deutsche noch vollständig.« So schrieb 
Muthesius noch im Jahre 1907. Es werden weiter unten einige Auße- 
rungen Bismarck’s mitgeteilt werden, die überraschend ähnlich klingen, 
Auch was aus den Berliner Landhaus- und Gartenvorstädten gewor- 
den ist, auf deren heilende Wirkung Faucher und seine Freunde ihre 
Hoffnungen setzten, hat Muthesius geschildert. Er nannte die »deutsche 
Villa« eine »Ausgeburt der Lächerlichkeit«, denn »die vielfachen Un- 
zuträglichkeiten der städtischen Etage sind gewohnheitsmäßig mit in das 
Landhaus geschleppt worden. Die verkrüppelten Vorrats- und Wirtschafts- 
räume, die dunklen Korridore, die Oberlichter, die wir im deutschen Land- 
haus vorfinden, sie alle leiten ihren Ursprung aus der Etage her, die dar- 
auf angelegt ist, durch Äußerlichkeiten zu imponieren. Zu diesen Äußer- 
lichkeiten gehört die oft übertriebene Größe und Höhe der Wohnräume, 
das heißt vor allem derjenigen Räume, in denen der Mieter Besuche emp- 
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