Path:
XXVII. Die verantwortungslosen "höheren Stände". Treitschke, Schmoller / Gräfin Dohna: Der grüne Gürtel der Großstadt

Full text: Das steinerne Berlin / Hegemann, Werner (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

»Centralblatt der Bauverwaltung« erklärte (14. ı. 1893): »Die gesetz- 
liche Grundlage für diese Beschränkungen gewährt der $ 6 des Gesetzes 
über die Polizeiverwaltung vom ıı. März 1850. Nach diesem gehört mit 
zu den Gegenständen der ortspolizeilichen Vorschriften: die Fürsorge ge- 
gen Feuersgefahr und die Sorge für Leben und Gesundheit. Die durch die 
Verfassung gewährleistete Unverletzlichkeit des Eigentums versteht sich 
nur unter den in den Gesetzen gegebenen Einschränkungen... Es wird aber 
nicht wohl bezweifelt werden können, daß Bestimmungen über die An- 
lage von Bezirken mit offener Bauweise in den Großstädten insofern zu den 
Gegenständen der ortspolizeilichen Vorschriften gehören, als durch diese 
Bestimmungen die Förderung der öffentlichen Gesundheit erstrebt wird.« 
Die Regierung hatte also nach eigenem Zugeständnis ihre pflichtmäßige 
Sorge für die öffentliche Gesundheit 4.2 Jahre lang versäumt. Diese plötz- 
liche Sinneswendung der Regierung entsprach in vieler Hinsicht den alten 
Forderungen der Gräfin Dohna. Aber was sehr wohl möglich war, als eine 
verständige Frau es forderte, erwies sich zwanzig Jahre später, als die preu- 
ßischen Beamten-Tolpatsche es endlich begriffen, als nicht mehr möglich, 
Von der städtebaulichen Geschicklichkeit, mit der die Regierung ihre neue 
Bauordnung ausgearbeitet hatte, lieferte die » Berliner Vorort-Zeitung« 
(21.5. 1893) folgende Beispiele: »Mehrfach ist in der neuen Bauordnung 
festgesetzt, daß diese und jene Straße beiderseits in einer Tiefe von 40 m 
geschlossen, also mit Miethäusern bebaut werden darf; hinter der 40 m- 
Linie hebt dann der Landhausbezirk an. Nun sind aber die Grundstücke in 
ihrer Mehrzahl über 40 m tief: meist dürfte die Tiefe zwischen 40 und 60 m 
betragen, so daß die Grundstücke an diesen Straßen mit ihrem vorderen 
Teile im Miethausbezirk, mit dem Rest ihrer Tiefe dagegen im Villen- 
bezirk liegen. Die neue Bauordnung gestattet für die erste Bauklasse Ge- 
bäudehöhen von 18 m (bis zum Hauptgesims), wodurch sich mit Einschluß 
des Daches durchweg eine Gesamthöhe der Miethäuser von 20 bis 23 m er- 
geben wird. Villen werden dagegen bei zwei Geschossen meist nicht viel 
höher als 10 bis 13 m gebaut, werden also durchweg gegen 10 m nicdriger 
sein als die Miethäuser der ersten Bauklasse. Uns sind Fälle bekannt, wo 
nahe einer Villa nachträglich hohe Miethäuser errichtet wurden und das 
Wohnen in der Villa aufgegeben werden mußte, weil — die Schornsteine 
in dem niedrigen Hause nicht mehr zogen.« 
Ein besonderer Reiz der neuen Bauordnung war ihre Bestimmung, 
daß das Kellergeschoß der »Landhäuser« bis zu drei Viertel zu Wohn- 
784
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.