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XXVI. Der Fünf-Milliarden-Schwindel und die Berliner Bau- und Bodenspekulation

Full text: Das steinerne Berlin / Hegemann, Werner (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

unter den preußischen verwaltungstechnischen, steuer- und pfandbriefrecht- 
lichen und sonstigen städtebaulichen Verhältnissen ausgehen können, wenn 
steigende Mieten und Bodenpreise der Phantasie unbegrenzte Möglich- 
keiten vorzaubern. »An die Förderung der Genossenschaft und der Bau- 
unternehmungen wurde gar nicht mehr gedacht, sondern vor allem an 
der Börse gespielt und immer neue Gesellschaften gegründet, deren Effek- 
ten zu neuen gesuchten Börsenpapieren wurden.« (Wiß) Fabrikanlagen 
zur eigenen Herstellung der Baumaterialien und neue Terrain-Gesell- 
schaften, in Reinickendorf, Köpenick, Teltow und Breslau, Magdeburg, 
Bad Elmen, Thale am Harz, Frankfurt a. Main usw., wurden mit 90 Mil- 
lionen Mark schwindelhaften Kapitals gegründet. Als dann endlich der 
Börsenkrach das ganze Kartenhaus zusammenblies, war der Kurswert der 
Aktien der meisten Gesellschaften geringer als die schwindelhaften Jahres- 
dividenden, die früher darauf erklärt worden waren. Auf der Höhe von 
Westend blieben die halbfertigen Landhäuser unvollendet stehen als die 
sogenannten »Krachruinen«. »Längere Zeit vor der Katastrophe«, so 
schrieb Dr. E. Wiß, der gemeinnützig denkende Generaldirektor von 
Westend, »war ich in H. Quistorp gedrungen, für die Genossenschaft 
des Deutschen Zentralbauvereins mehr zu tun. Eine Menge von Anfor- 
derungen traten an mich heran für Villen von tausend, zwei-, vier- und 
mehr tausend Talern; H. Quistorp sagte, es würde zu wenig dabei ver- 
dient, er wolle nur noch Villen von mindestens 30 Tausend Talern bauen 
und als ich einwarf, da könne er lange warten, bis das große Baugelände 
bebaut sei, meinte er: „Ach, was; die Leute müssen noch auf Knien den 
Spandauer Berg heraufrutschen, um eine Bauparzelle von Westend zu be- 
kommen.“« 
Was sich in Westend begab, geschah damals in allen Himmelsrich- 
tungen des Berliner Weichbildes. Die segensreichen Gedanken Huber’s 
und Faucher’s wurden durch die amtlich geförderte Spekulation in ihr 
genaues verhängnisvolles Gegenteil verkehrt. Der Gedanke, daß man mit 
der Bauunternehmung hinausgehen müsse aus dem schmalen Ring, der 
bereits von der Spekulation ergriffen war, führte einfach dazu, daß die 
Spekulation auch den zweiten und dritten Ring ergriff, daß sich der 
schmale Ring der Spekulation in einen breiten Ring wandelte. Der Un- 
fug des Berliner Bebauungsplanes mit seiner Aussicht auf Mietkasernen 
für vier Millionen Menschen steckte an und teilte sich der Nachbarschaft 
der Viermillionenkasernierung mit. Dr. Schwabe, der Direktor des Sta- 
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