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XXV. Julius Faucher und die Berliner Volkszählung von 1861

Full text: Das steinerne Berlin / Hegemann, Werner (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

dem angelsächsische Fachleute die deutschen Zustände noch lange nach- 
her betrachteten und das der Nationalökonom Professor Ely von der Staats- 
Universität Wisconsin auf der Generalversammlung des Vereins für Sozial- 
politik, Nürnberg 1911, in die Worte faßte: »Die notwendige Folge der 
deutschen Kommunalbesteuerung ist die Wohnungsnot.« 
Faucher besaß nicht nur eine genaue Kenntnis großstädtischer, beson- 
ders Londoner, Berliner und Wiener Wohnungsverhältnisse, sondern sein 
eindringendes wirtschaftlich-soziales Verständnis begriff auch den Sinn der 
Mieterrevolten, die in den kasernierten Großstädten des europäischen Fest- 
landes seit Ende der fünfziger Jahre immer wieder ausbrachen. Besonders 
aber vermochte Faucher aus den seit 1861 veröffentlichten Ergebnissen 
der Berliner Volkszählung die notwendigen städtebaulichen Schlüsse zu 
ziehen. Diese wissenschaftlich-unparteiische Arbeit des statistischen Amtes 
der Stadt Berlin war ein Verdienst des Stadtverordneten Sanitätsrat Dr. 
S. Neumann. Sie machte zum ersten Male das grauenvolle Ergebnis der 
preußischen Verwaltungstüchtigkeit zahlenmäßig greifbar. Der nieder- 
schmetternde Eindruck, den die amtlichen Zahlen bei allen denkenden 
Zeitgenossen hinterließen, ist in der Literatur der sechziger Jahre aufbe- 
wahrt. Der weitsichtige V. A. Huber, C. W. Hoffmann und ihre literari- 
schen Mitstreiter waren nur Vorläufer gewesen; die eigentliche städtebau- 
liche Literatur Berlins beginnt mit den Enthüllungen der ersten Berliner 
Volkszählung im Jahre 1861, um bald hochflutartig anzuschwellen. Hier 
sind einige der erschütternden Zahlen, die damals ans Licht kamen: 48326 
Menschen, also fast ein Zehntel der damals (1861) 521933 Seelen zäh- 
lenden Gesamtbevölkerung Berlins wohnten bereits in Kellerwohnungen. 
(1925 lebten 70743 Großberliner in Kellern.) Von den 105 811 Woh- 
aungen Berlins hatten 51909, also nahezu die Hälfte, nicht mehr als ein 
heizbares Zimmer;* 224406 Bewohner Berlins wohnten in solchen Ein- 
zımmerwohnungen, die also im Durchschnitt mit 4,3 Menschen belegt 
waren. »Ist das die normale Lebensform oder nicht? Und wenn sie es nicht 
ist, was haben wir bei einer Ausnahme zu denken, welche die Hälfte be- 
trägt? Und wenn sie es ist, soll sie so bleiben?« So setzte Faucher’s Kritik 
ein, und er fügte hinzu: »Betrachtet man auch noch fünf Personen auf 
ein heizbares Zimmer als die normale Lebensform unseres Landes, so gibt 
es noch immer unter den 52103 Bewohnern der größten Stadt, die unser 
* Die unheizbaren Nebenräume spielen in Berlin eine verhältnismäßig geringe Rolle. wie aus 
Tafel 4, ersichtlich ist. 
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