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XXIV. Folgen, Kritik und Verteidigung des polizeilichen Planes von 1858-62

Full text: Das steinerne Berlin / Hegemann, Werner (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

Berliner lebendig geworden ist. Im Norden entfernte sich der Ring bis 
fast nach Weißensee, im Süden blieb er auf wenige Ruten bei der alten 
Stadtmauer. Im Süden in der vornehmen Nachbarschaft der Tiergarten- 
Vorstadt und des » Geheimratviertels« sollte dann dieser Grenzboulevard 
besonders großartig ausgestaltet werden. Da der Staat nicht für das Stra- 
ßenland zahlen wollte und da er die Preise des ganz unbebauten Geländes, 
auf dem er plante, noch nicht in die Höhe getrieben hatte, durfte er mit 
gutem Gewissen Straßenbreiten von 55 bis 75 Metern freigebig verteilen. 
Alle 450 bis 750 Meter wurde ein mächtiger Platz aufgereiht, durch 
den nicht nur der Boulevard mittendurchschnitt, sondern der auch meist 
noch von zwei oder mehr andern Straßen durchpflügt wurde, so daß 
sich spitzwinkelig-ungünstige Baublöcke und zerrissene Platzflächen oder 
aufgeschlitzte Platzwände oder Verkehrsschwierigkeiten oder alle drei 
Übel auf einmal ergaben. Zum damaligen fünfzigjährigen Jubiläum der 
Freiheitskriege erhielten diese Plätze Heldennamen wie Wittenberg-, Nol- 
lendorf-, Dennewitz- und Wartenberg-Platz; die schönsten und größten 
dieser Perlenschnur von Plätzen aber wurden dem Marschall Vorwärts zu 
Ehren Walstattplatz und Blücherplatz getauft, sie waren als die abschlie- 
ßenden Prunkstücke des Geschmeides gedacht und bildeten auf dem Pa- 
pier zusammen eine Platzgruppe, deren Umfang alle Pariser Vorbilder so 
zwergenhaft erscheinen ließ, wie es sich gebührte, nachdem Blücher die 
Franzosen doch besiegt hatte. Der Polizei-Präsident gewährte diesen brei- 
ten Plätzen zusammen die Länge von einem halben Kilometer (508 m). 
Sie lagen sehr monumental gerade zwischen den beiden Rangierbahnhöfen 
der bereits seit 1838 und 1841 gebauten Potsdamer und Anhalter Bahn- 
linien. Auch Laien ahnten, daß diese Rangierbahnhöfe und die dazuge- 
hörigen Kopfbahnhöfe ausdehnungsfähig waren. Wenn sogar der Polizei- 
Präsident bemerkt hätte (was für niemanden sonst ein Geheimnis war), daß 
das Gelände, auf dem er seine Blücher-Ehrung plante, von den beiden Bahn- 
gesellschaften für Bahnhof-Erweiterungen erworben war, dann hätte seine 
selbstherrliche Künstlerphantasie mit dem Walstatt- und dem Blücherplatz 
keine dem Tode geweihten Zwillinge geboren; obgleich damals die beiden 
Bahngesellschaften noch in privaten Händen waren und somit noch nicht 
die Allmacht der späteren Staatsbahnverwaltung besaßen, konnte der 
Polizei-Präsident gegen ihren Widerspruch seine Platzentwürfe nicht am 
Leben erhalten. Nur drucken lassen und veröffentlichen konnte er seinen 
haltlosen Plan. 
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