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XXIII. Der Straßenplan von 1858-62. Die Polizei verordnet Mietkasernen für vier Millionen Berliner

Full text: Das steinerne Berlin / Hegemann, Werner (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

von 1850 hatte sogar den besorgten Grundbesitzern ihr Recht auf freie 
Verfügung über ihr Grundeigentum erneut eingeschärft. 
Aber die Bevölkerung Berlins wuchs immer rascher, und die vorhan- 
denen Mietkasernen waren übervoll. Kasernen und ihre Hinterhäuser hat- 
ten die alten Gärten und die noch herübergeretteten kleineren Häuser 
überrannt, soweit nicht Eigenbrötler darin wohnten, die ihren Tod abwar- 
ten wollten, bevor sie ihren Besitz der Mietkaserne auslieferten. Schließ- 
lich wurden sogar in der geduldigen Kasernen-Stadt Berlin neue Straßen 
notwendig. So sah sich der Polizei-Präsident bei emporschnellenden Bo- 
denpreisen vor die Wahl gestellt, entweder den Staat zur Zahlung für 
Straßenland zu bewegen, oder durch einen geschickten Kunstegriff die Ent- 
schädigungspflicht auf die Stadt Berlin abzuwälzen, oder die Grundbesitzer 
zum Verzicht auf die ihnen zustehende Entschädigung und zur kostenlosen 
Hergabe des Straßenlandes zu bringen. Die Regierung liebte es zwar, den 
Untertanen vorzuspiegeln, Staat und Staatssäckel (der sogenannte Fiskus) 
seien zwei verschiedene Wesen, von denen sich der Fiskus fast wie ein ge- 
wöhnlicher Sterblicher dem Privatrechte beugen müsse. Aber eine alte 
Regel lautete: »Der Fiskus kennt keine Scham.« Noch weniger schämte 
sich der allmächtige Staat, stets zarteste Rücksicht auf seinen Fiskus 
zu nehmen. 
Den Gemeinden die Entschädigungspflicht für Straßenland aufzubür- 
den versuchte 1855 der Handelsminister, dem in Preußen auch die öffent- 
lichen Arbeiten unterstanden. Durch einen Erlaß über die Aufstellung 
städtischer Bebauungspläne wurde die Anregung zur Aufstellung dieser 
Pläne »in Anbetracht des anerkannten (!) vorwiegenden Interesses der 
Kommunalbehörden und der größeren Wirksamkeit der Einwirkung der- 
selben auf die Beteiligten« großzügig den Gemeinden überlassen. In Zu- 
kunft sollten es also die Gemeinden sein, welche die Bebauung des Stra- 
ßenlandes verhinderten und also auch dafür zahlen mochten. Diesem An- 
sinnen stand in Berlin nur die Kabinettsorder vom Jahre 1843 entgegen, 
die ausdrücklich für Berlin und Potsdam die Anlegung neuer oder die 
Veränderung vorhandener Straßen jederzeit von der unmittelbaren Ge- 
nehmigung des Königs abhängig machte. Auf Grund dieser Kabinetts- 
order hatte Friedrich Wilhelm 1v. seine baukünstlerischen Liebhabereien 
in der angeblich sich selbst verwaltenden Hauptstadt walten lassen wol- 
len. Als aber Berlin weniger königliche Baukunst als Wohnungen für Ar- 
beiter brauchte, wurde der kategorische 8 10 der staatlichen Berliner Bau- 
zZ.
	        
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