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I. Die alte und die neue Reichshauptstadt

Full text: Das steinerne Berlin / Hegemann, Werner (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

Heere der kreuzfahrenden Hohenstaufenkaiser gesammelt. Der zu Wien 
regierende deutsche Fürst gewann damals eine Prinzessin aus Byzanz, 
das die letzte Hüterin antiker Kultur war. Wien war schon damals die 
volkreichste Stadt zwischen Byzanz und dem rheinischen Köln und wurde 
schnell die anerkannte Mitte jenes Mitteleuropa unter deutscher Führung, 
dessen Verteidigung nach Westen, dessen Ausbau nach Osten und dessen 
tausendjähriger Bestand schließlich scheiterte an dem »preußischen Parti- 
kularismus und seiner Auflehnung gegen das gesamtdeutsche Gemeinwe- 
sen« (dies letzte Wort stammt von Bismarck), der Berlins Herrschaft über 
das verbleibende Kleindeutschland herbeiführte. Berlin hat im Mittelalter 
Künste und Wissenschaften vernachlässigt. Berlin besitzt keine bedeutende 
Kirche, und in seiner eigentümlichen geistigen Enge konnte sich auch 
eine Universität erst nach dem befreienden Eingriffe Napoleons entwik- 
keln. Dagegen ist der Wiener St. Stephans-Dom eine der herrlichsten 
Kirchen des Abendlandes, die mittelalterliche Bauhütte Wiens war welt- 
berühmt, und die Wiener Universität, 450 Jahre älter als die Berliner, 
wetteiferte schon im Mittelalter erfolgreich mit den berühmten Hoch- 
schulen von Paris und Prag. In Wien verfaßte seit 1808 Friedrich Schle- 
gel die Vorlesungen zur Geschichte und die Aufrufe zum deutschen Frei- 
heitskriege, die schließlich auch in Berlin gehört wurden. Aber schon unter 
Kaiser Maximilian wurde die Wiener Hochschule die Lehrstätte führen- 
der deutscher Humanisten wie Celtis und Regiomontanus, während der 
Schüler des Celtis, der einst berühmte Tritheim, Berlin verließ mit den 
Worten: »Die Berliner sind zwar gut, aber allzu ungebildet.« Noch 260 
Jahre später wurde dieser Ausspruch fast wörtlich von Lessing wiederholt, 
als er Preußen »das sklavischste Land von Europa« nannte und die Hoff- 
nung, dort ein deutsches Theater zu begründen, endgültig aufgab. Musik 
und Theater Friedrichs des »Großen«* blieben trotz größten Aufwandes leb- 
lose provinzielle Angelegenheiten, zu deren Besuch der König Soldaten 
kommandieren mußte, um Leben vorzutäuschen. In Wien dagegen er- 
wuchs aus dem quellenden Leben eines glücklich begabten Volkes früh 
Schauspiel und Musik von internationaler Bedeutung und auch die erste 
ständige deutsche Bühne. Später führte Wien mit seinem Hof burgtheater 
* Da die Frage nach der Berechtigung von schmückenden Beinamen wie »der Große«, »der Blutige« 
oder »der Dicke« neuerdings wieder umstritten wurde, soll im vorliegenden Buche dem Beispiele 
Bismarck’s gefolgt werden, der im dritten Bande seiner »Gedanken und Erinnerungen« (S. 124) vom 
»großen« Friedrich mit Anführungsstrichen sprach.
	        
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