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XII. Der "Soldatenkönig" als Berliner Oberbürgermeister

Full text: Das steinerne Berlin / Hegemann, Werner (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

später unter Friedrich dem »Großen«, der noch zerfahrenere Vorstellun- 
gen vom Finanzwesen hatte als sein Vater und der die königlichen und 
städtischen Kassen ebenso durcheinanderwarf. Der Vater glaubte seiner 
Mißwirtschaft durch die Einsetzung von zwei Untersuchungs-Ausschüssen 
steuern zu können. Aber sie tagten von 1723—1730, ohne auf dem ıh- 
nen zugewiesenen Gebiete des Finanzwesens etwas zu erreichen. Sie for- 
derten die Aufstellung von jährlichen Voranschlägen, aber es wurde auch 
nachher ohne Voranschläge weiter gewirtschaftet. Gerade die aktiven 
Staatsbeamten, die sich nebenbei Ämter im Berliner Magistrat als Futter- 
krippen gekauft hatten, legten den königlichen Untersuchungs-Ausschüs- 
sen Hindernisse in den Weg. 
Diese siebenjährige Verschleppung hatte immerhin den überraschen- 
den Erfolg, dem Könige zum ersten Male gegen Ende seiner Regierung 
einen Einblick in die Mängel der Berliner Polizeiverfassung zu verschaf- 
fen. Fünf Jahre vor seinem Tode ließ er deshalb das Polizei-Personal des 
Berliner Magistrats ergänzen und befahl, daß sich sogar seine Soldaten 
und die französischen Privilegierten den städtischen Beamten fügen soll- 
ten. Aber auch dieser Befehl wurde nicht ausgeführt. Die Streitigkeiten 
über die Rechtsbefugnisse des Magistrats, der Militärbehörden und der 
französischen Privilegierten zogen sich noch durch die Regierung Fried- 
richs II. bis ans Ende des Jahrhunderts. 
Die einzige Verwaltungsreform, die dem »Soldatenkönig« in Berlin 
geglückt ist, war seine Regelung des »Servis-Wesens«, welche die Kosten 
der Berliner Einquartierung etwas gerechter verteilte. Doch wurde auch 
dieses scheinbare Streben nach Gerechtigkeit wertlos infolge der willkür- 
lichen Kabinettsjustiz des Königs, der seinen Offizieren und gemeinen Sol- 
daten, gleichsam als Entschädigung für die Sklaverei, in die sie gefallen 
waren, jede denkbare Vergewaltigung der Berliner Bürger gestattete. Ber- 
liner Richter, die einmal gewagt hatten, Ausschreitungen von Soldaten 
pflichtmäßig zu bestrafen, hat der »Soldatenkönig« eigenhändig und aus- 
dauernd durchgeprügelt. Daß die königliche Regelung der Soldaten-Ein- 
quartierung (1720) durch Bevorzugungen durchbrochen wurde, beweist 
sein Befehl aus dem Jahre 1737, daß alle Bürger ohne Unterschied Sol- 
daten in ihre Häuser aufnehmen müßten, und zwar in Zimmer, deren 
Fenster auf die Straße gingen. Der Befehl wurde später so abgeändert, 
daß er nur noch für die Juden galt, von denen viele ihre Häuser gegen 
Baracken eintauschen mußten. 
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