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XII. Der "Soldatenkönig" als Berliner Oberbürgermeister

Full text: Das steinerne Berlin / Hegemann, Werner (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

mit dem Krückstock erzwungen hatte. Daß gelegentlich seiner Baube- 
sichtigungen die Menschen vor ihm flüchteten und daß er ihnen dann 
nacheilte und sie prügelte, wurde lange Zeit in den preußischen Schul- 
büchern als besonders harmlose königliche Belustigung geschildert. Un- 
bekannt aber blieb den meisten Lesern, daß die Bauleidenschaft Friedrich 
Wilhelms I. weniger auf praktische Ziele und auf die schnelle Beschaffung 
der notwendigen, billigen Häuser für die mittellosen Einwanderer als auf 
möglichst kostspielige Häuser in möglichst ungeeignetem Gelände er- 
picht war. 
Wie es bei der Befriedigung dieser eigenartigen königlichen Baulei- 
denschaft zuging, schilderte der allzu milde, aber deshalb nicht unzuver- 
lässige Berliner Oberkonsistorial-Rat Büsching in seiner Lebensbeschrei- 
bung des Preußischen Geheimrats von Nüßler.* Dieser Staatsmann war 
auf Zureden seines Schwiegervaters, des Kanzlers von Ludewig, in den 
Dienst Friedrich Wilhelms I. getreten und bekam trotz seiner Verdienste 
in schwierigen diplomatischen Sendungen Grund zu allerlei berechtigten 
Klagen. Büsching berichtet: »Zu diesen Widerwärtigkeiten gesellte sich 
noch die sehr große, daß er Befehl erhielt, auf der Friedrichstadt ein 
Haus zu bauen. Der König, welcher Berlin vergrößern wollte, ließ auf 
der Friedrichstadt ganze Straßen abstechen. Einige bauten sich daselbst 
gegen gewisse Vortheile, welche sie sich ausbedungen, gutwillig an, die 
meisten aber wurden gezwungen zu bauen. Der Obriste von Derschau, 
welchem der König aufgetragen hatte, den Häuserbau zu besorgen, suchte 
diejenigen aus, welche bauen sollten, legte das Verzeichnis derselben dem 
König zur Unterschrift vor, und wenn diese erfolgt war, mußten die auf- 
geschriebenen Personen bauen, sie mochten wollen oder nicht wollen... 
Acht Personen ward ein großer und tiefer Sumpf mitten in der Friedrich- 
Straße angewiesen, in welchem sie Häuser erbauen mußten, darüber sie 
meistens ganz verarmten. Von Nüßler ging zu dem Obristen von Derschau, 
und stellte ihm vor, daß er keinen Groschen Besoldung vom König erhal- 
ten, und Ihm dennoch treue und wichtige Dienste (von welchen er die 
letzten in der Königin Erbschafts-Sache anführte) geleistet, und während 
derselben sein Vermögen zugesetzt habe, so daß er nicht im Stande seye, 
ein Haus zu bauen, am wenigsten in einen Sumpf oder Morast. Der Ob- 
riste antwortete kurz: Der König will gebaut haben, will auch, wann Sie 
es verlangen, einen Befehl an Ihren Schwieger-Vater, den Canzler von Lu- 
*In den Beiträgen zu den Lebensbeschreibungen merkwürdiger Personen, I. Teil, S. 321. 
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