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XII. Der "Soldatenkönig" als Berliner Oberbürgermeister

Full text: Das steinerne Berlin / Hegemann, Werner (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

sehr großen Menschen; sie saßen auf ungeheuren Pferden. Es waren Ko- 
losse auf Elefanten, die weder manövrieren noch kämpfen konnten. Keine 
Parade wurde abgehalten, bei der nicht ein Reiter aus Ungeschicklich- 
keit von seinem Pferde fiel; sie waren nicht Herren ihrer Pferde.« Aber 
»die Mähnen der Pferde wurden mit Bändern geflochten... Die Reiter 
lackierten ihre Zügel, ihre Sättel und sogar ihre Stiefel, die Infanteristen 
ihre Gewehre und ihre Tornister.« 
So urteilte Friedrich der »Große«. Man muß sich die Regimenter 
von »langen Kerlen«, für die der König eine pathologische, kostspielige 
Leidenschaft hatte, als ein Heer von gedrillten Hofhampelmännern vor- 
stellen, die sich von den Hofnarren des helleren Mittelalters durch ihr 
massenhaftes Aufreten, ihre mangelnde Narrenfreiheit und ihre Witzlosig- 
keit unterschieden. Über den praktischen Nutzen dieser hauptsächlich auf 
Kosten Berlins betriebenen Soldatenspielerei Friedrich Wilhelms I. berich- 
tet einer seiner entschlossensten neueren Bewunderer:* »Seine auswär- 
tige Politik zögerte, schwankte, griff in entscheidenden Momenten fehl; 
immer mißtrauend wurde sie wiederholentlich getäuscht. Sie erschien die 
ersten Jahre von Rußland abhängig, im Weitern noch abhängiger vom 
Wiener Hof; sie nahm von dem hannöverschen Hofe mehr als eine Insulte 
hin. So allgemein war schließlich die Überzeugung, der König sei in den 
Fragen der äußeren Politik völlig unselbständig, völlig ratlos, ohne Ein- 
sicht oder Entschluß, die Zuversicht, er würde sich lieber alles gefallen las- 
sen, als zu den Waffen greifen, daß selbst ein so kleiner Herr wie der Fürst- 
Bischof von Lüttich ihm jahrelang Trotz zu bieten und über die preußische 
Herrschaft Herstall das Recht der Landeshoheit zu behaupten wagte.« Im 
letzten Jahre seiner Regierung opferte Friedrich Wilhelm I. dann sein höch- 
stes Verdienst, reichstreu gewesen und mit Menschenblut sparsam um- 
gegangen zu sein, und schloß mit Frankreich das Bündnis gegen den deut- 
schen Kaiser, das zu dem furchtbaren Blutvergießen der drei schlesischen 
Kriege und zum Zerfall Deutschlands in zwei machtlose Hälften führte. 
Je unbrauchbarer aber das nach Zahl und Verfassung ungeheuerliche 
preußische Heer für die deutsche Politik war, desto schwerer lastete es 
auf dem eigenen Lande und vor allem auf der geistigen und wirtschaft- 
lichen Entwicklung Berlins. Neben dem Heere wählte nämlich Fried- 
rich Wilhelm I. die Besteuerung Berlins als weitere unerschütterliche 
Grundlage seiner Monarchie. Er wurde gleich bei seinem Regierungs- 
“Vgl. Joh G. Drovsen , Friedrich Wilhelm I., (Leipzig 1860), BA. II, S. 424. 
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