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X. Schlüter's Triumph als Berliner Bildhauer

Full text: Das steinerne Berlin / Hegemann, Werner (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

Schlüter’s Triumph als Berliner Bildhauer 
Ihr bleibet vor Verwunderung stehn, 
Und zweifelt doch an meinem Leben? 
Laßt meinen Reiter mir die Ferse geben: 
So sollt ihr sehn! 
»Das Pferd Friedrich Wilhelms auf der Brücke zu Berlin« 
Gedicht von Lessing 
WER NOCH ZWEIFELT, DASS KÖNIG FRIEDRICH I. DER GRÖSSTE HOHEN- 
zoller gewesen ist, wird vielleicht durch seine Leistungen als deutscher 
Bauherr am Berliner Schloß und Zeughaus, sicher aber durch das unüber 
treffliche Reiterdenkmal bekehrt werden, mit dem Andreas Schlüter den 
deutschen Kunstsinn dieses ersten Preußenkönigs mehr als die Tugenden 
seines Vorgängers verherrlichte. Über die ehernen Reiter, vor denen die 
künstlerisch erwachte Christenwelt sich beugt, herrscht in fast unnahbarer 
Dreieinigkeit Schlüter’s Denkmal des ungespornten Großen Kurfürsten 
zusammen mit den gespornten Reiterfiguren von zwei anderen Söldner- 
führern (Gattamelata und Colleoni), deren Denkmäler ebenfalls weniger 
diese heute gleichgültigen condottieri als den Ruhm eines großen Bau- 
herrn (also der Republik Venedig) und großer Bildhauer verewigen. 
Zur Würdigung des Berliner Denkmals muß man seine Ahnen be- 
trachten. Das Steinbild des Hohenstaufen-Kaisers im Dome zu Bamberg, 
in dem das Rittertum des Mittelalters lebt, war lange vergessen. Aber 
das kaiserliche Rom hatte in dem ehernen Marc Aurel des Capitols ein 
unvergeßliches Vorbild für alle nachfolgende Reiterplastik geschaffen. Mit 
diesem Vorbilde vor Augen schuf Leonardo da Vinci das Reiterbild eines 
Mailänder Herzogs und bewies zugleich — als der größte Künstlerphilosoph 
aller Zeiten — den absoluten Fürsten der Neuzeit die ihnen gebührende 
Anhänglichkeit: das Reiterbild, mit dem er seinen Herzog unsterblich 
machen sollte, wollte Leonardo da Vinci nach dem Sturze des Herzogs 
ın ein Denkmal des siegreicheren Franzosen-Königs verwandeln. 
Aber Leonardos Königsbild ging verloren und erwachte zu neuem 
Leben erst 1687 in dem Reiterbilde Ludwigs XIV., das auf dem Pariser 
Vendöme Platz durch die große Revolution aufs neue zerstört wurde. 
Seine freie Nachbildung auf der Kurfürsten-Brücke zu Berlin (gegossen 
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