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Erstes Buch. Die Krisis

Full text: Berliner Revolutionschronik / Wolff, Gustav Adolf (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

Persönlichkeiten bemächtigt, als die aus den Assoziationsbestrebungen der vor— 
hergegangenen Jahre bekannt gewordenen. Die Wöniger, Benda und Aehn— 
liche, aus den Zeiten der Gründung eines Zentral- und Lokalvereins „für 
das Wohl der arbeitenden Klassen“ und der auf Berlin übertragenen sächfischen 
„Lichtfreunds“-Versammlungen, waren nicht wieder hervorgetreten; an ihrer 
Stelle hatten sich regere und ernstere jugendliche Kräfte geltend gemacht, und, 
waren gleichwohl diese, zum Theil durch eigene Beschränktheit, nicht im Stande, 
die Bewegung wirklich zu leiten, so wußten sie doch von ihren Versammlungen 
Alles das fern zu halten, was den genannten „vormärzlichen“ Bestrebungen 
das frühe Grab bereitet: Pedanterie, Nüchternheit und einen vorzugsweise red⸗ 
seligen Charakter. 
In den übrigen Theilen von Deutschland hatte der Drang nach Re— 
formen unausgesetzt Konzessionen der Regierungen herbeigeführt. Schon war 
fast allenthalben die Zensur aufgehoben und Preßfreiheit bewilligt, so in 
Sachsen und Hamburg seit dem 9., in Weimar, Gotha, Lübeck und Bremen 
seit dem 8. März. In Preußen herrschte die Zensur noch immer unbeschränkt; 
während von Tag zu Tage mehr preßfreie Zeitungen nach Berlin kamen, 
waren die Berliner Zeitungen in ihren Mittheilungen durch die Willkür der 
Zensoren beschränkt, und auch die Verheißung der sogenannten „Zensurfreiheit“ 
hatte keine Aenderung herbeigeführt. 
Um ein Bild jener Zustände zu haben, reicht es hin, einzelne Fälle 
hervorzuheben, wie sie der kurze Zeitraum, der bisher dargestellt worden ist, 
liefert. 
Als höchste Instanz in Zensurangelegenheiten, bei der Beschwerden gegen 
die Zensur angebracht werden konnten, war seit 1843 das Oberzensurgericht 
eingesetzt. Es sprach unter Anderem sein Urtheil in den Fällen, wenn ein 
Autor gegen den Zensor wegen eines von diesem verweigerten „Imprimatur“ 
Beschwerde geführt, und erkannte dann entweder die Zulässigkeit der gestrichenen 
Stelle zum Drucke oder verwarf die Beschwerde „von Rechts wegen“. Durch 
ein Zulässigkeitserkenntniß des Oberzensurgerichts hielt sich jedoch der Zensor 
nicht immer für verpflichtet, den von ihm ursprünglich gestrichenen, von dem 
Gericht für zulässig erklärten, Artikel freizugeben; er hinderte häufig nicht nur 
dessen, sondern auch den Abdruck des freisprechenden Gerichtsurtheils. Als 
Gründe für seine abermalige Weigerung — wenn er überhaupt dergleichen 
anführen wollte — gab er Rücksicht auf die Zeitumstünde u. A. an, und seine 
Instruktion enthielt jedenfalls stets einen Artikel, der die Legalität in dieser 
Zensuranarchie bestätigte. 
Am 6. März brachten die Frankfurter Blätter die Nachricht von der Re— 
volution in dem damals zu Preußen gehörenden schweizer Kantone Neufchatel 
nach Berlin. Schon vorher hatten Privatbriefe dieselbe Mittheilung enthalten. 
Obschon die Frankfurter Zeitungen an den meisten öffentlichen Orten zu lesen 
waren, so fand sich doch der Zensor nicht bewogen, den Abdruck dieser Nach—
	        
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