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Briefe aus den Jahren 1833-1847 An Frau Doctorin Frege in Leipzig. London, den 31. August 1846

Full text: Briefe aus den Jahren 1830 bis 1847 von Felix Mendelssohn Bartholdy / Mendelssohn Bartholdy, Felix (Public Domain)

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Guten genug für eine erste Aufführung. — Auch habe ich 
eine solche in meinem Leben nicht besser, ja noch nicht so gut 
gehört, und ich zweifle fast, ob ich je dergleichen wieder 
werde hören können, weil eben so vielerlei Guͤnstiges gerade 
hier zusammentraf. — Bei so viel Licht fehlte es, wie gesagt, 
aber auch an Schattenseiten nicht, und die schlimmste war 
die Sopranpartie. Alles war daran so niedlich, so gefällig, 
so elegant, so unrein, so seelenlos und so kopflos dazu, und 
die Musik bekam eine Art von liebenswürdigem Ausdruck, 
über den ich noch heute toll werden möchte, wenn ich daran 
denke. Auch die Altistin war der Stimme nach nicht zu— 
reichend, um den Saal zu füllen und neben solchen Maffen 
und solchen Solosängern zu stehen, doch trug sie sehr gut 
und musikalisch vor; da läßt sich der Mangel an Stimme 
schon viel eher ertragen; wenigstens ist mir in der Musik 
nichts so unangenehm, als jene gewisse kalte, seelenlose 
Coquetterie, die an sich selbst so unmusikalisch ist, und die doch 
so oft als Grundlage vom Singen und Spielen und Musik— 
machen angetroffen wird. Sonderbar, daß ich dergleichen 
sogar bei den Italienern seltener finde, als bei uns Deutschen. 
Mir ist immer, als müßten unsere Landsleute es entweder 
von Herzen recht gut mit der Musik meinen, oder es wäre 
eben jene abscheuliche, dumme und noch dazu affectirte Kälte 
in ihnen, während so eine italienische Kehle daher singt was 
sie kann, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, allenfalls um 
des Geldes willen; aber doch nicht um des Geldes und der 
Aesthetik, und der Recensionen, und des Bewußtseins, und 
der richtigen Schule, und 27,000 anderer Gründe willen, 
die alle mit der innern Natur nicht aufrichtig zusammen⸗ 
hängen. Das ist mir wieder bei diesem Musikfest recht 
aufgefallen. Moscheles war am Montag krank geworden, 
und ich hatte alle Proben für ihn zu leiten. Als es so gegen 
zehn Uhr Abends wurde und ich mich genug gequält hatte, 
da kamen die Italiener hereingewandert und betrugen sich so 
nonchalant wie immer; aber sowie die Grisi und Mario 
und Lablache nur eben anfingen zu singen, dankte ich meinem 
Gott innerlich; die wissen doch felbst, wie sie es haben wollen, 
singen rein und im Tact, und man hört, wo das erste Viertel 
ein soll: denn daß ich mich an ihrer Musik wenig erfreue,
	        
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