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Erster Theil. Briefe aus den Jahren 1830-1832 An seine Geschwister. Rom, den 22. November 1830

Full text: Briefe aus den Jahren 1830 bis 1847 von Felix Mendelssohn Bartholdy / Mendelssohn Bartholdy, Felix (Public Domain)

Wahrheit sprechen, und doch nicht gerade die, die Vater nicht 
leiden mag, und da ging es besser und besser und endlich gut. 
Vielleicht habt Ihr ein bischen vergessen, daß Ihr hier und 
da schonen und nicht antippen müßt, — daß sich Vater für 
älter und verstimmter hält, als er es wohl, Gottlob, ist, und 
daß es an uns Allen ist, ihm auch einmal nachzugeben, sei 
das Recht auch noch so sehr auf unserer Seite, wie er es 
so oft gegen uns that. So lobt denn ein wenig, was er 
gern hat, und tadelt nicht, was ihm an's Herz gewachsen ist, 
namentlich nicht Altes, Bestehendes. Lobt auch das Neue 
nur erst dann, wenn es etwas in der Welt äußerlich erreicht 
hat und heißt; denn bis dahin kömmt es immer auf Ge— 
schmackssache hinaus; — zieht mir Vater hübsch in Euren 
Kreis und tanzt um ihn herum: — kurz, sucht wieder einmal 
auszugleichen und auszuglätten und bedenkt, daß ich, der ich 
ein gereiseter Weltmann bin, noch nie eine Familie gefunden 
habe, die, alle Schwächen und Verdrießlichkeiten und Fehler 
eingerechnet, so glücklich gewesen wäre, als wir bis jetzt. 
Antwortet mir nicht hierauf; denn das kommt erst in 
vier Wochen an, und dann giebt es schon wieder etwas Neues. 
UÜberhaupt, wenn ich dumm war, so will ich keine geistigen 
Prügel von Euch, und sprach ich schön, so folgt meinen guten 
Lehren. 
Den 23sten. 
Eben wollte ich an den „Hebriden“ arbeiten, da kommt 
Herr B., ein Musiker aus Magdeburg, spielt mir ein ganzes 
Liederbuch und ein Ave Maria vor und bittet mich um meine 
Meinung darüber zur Belehrung. Ich komme mir vor, wie 
Nestor im Polrock, und habe ihm eine kümmerliche Rede 
gehalten, bin aber dadurch um einen Morgen in Rom ge— 
kommen, was auch Schade ist. Der Choral „Mitten wir im 
Leben sind“ ist fertig geworden und wohl eins der besten 
Kirchenstücke, die ich gemacht habe. Nach Beendigung der 
Hebriden denke ich an „Salomon“ von Händel zu gehn und 
ihn für eine künftige Aufführung einzurichten, mit Abkürzungen 
und Allem. Sodann denke ich die Weihnachtsmusik „Vom 
Himmel hoch“ und die Amoll-Symphonie zu schreiben, — 
vielleicht einige Sachen für's Clavier und ein Concert u. s. w.,
	        
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