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Erster Theil. Briefe aus den Jahren 1830-1832 An seine Familie. Rom, den 8. November 1830

Full text: Briefe aus den Jahren 1830 bis 1847 von Felix Mendelssohn Bartholdy / Mendelssohn Bartholdy, Felix (Public Domain)

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ein andermal aach der Gallerie Borghese oder nach dem Capitol 
oder nach St. Peter oder dem Vatikan. Das macht mir 
jeden Tag unvergeßlich, und indem ich mir Zeit nehme, habe 
ich jeden Eindruck fester und stärker. Beim Arbeiten des 
Morgens möchte ich gern nicht aufhören und fortschreiben, 
sage mir aber: du mußt doch auch den Vatikan sehen; wenn 
ich nun da bin, so möchte ich wieder nicht gern fortgehen, 
und so macht mir jede meiner Beschäftigungen die reinste 
Freude, und ein Genuß löst den andern ab. Wenn mir 
Venedig mit seiner Vergangenheit wie ein Leichenstein vor— 
gekommen ist, wo mich die verfallenden modernen Paläste 
und die fortdauernde Erinnerung an ehemalige Herrlichkeit 
halb verstimmt und traurig gemacht haben, so erscheint mir 
Roms Vergangenheit wie die Geschichte; ihre Denkmäler er— 
heben, machen ernst und heiter, und es ist ein frohes Gefühl, 
daß Menschen etwas hinstellen können, an dem man sich nach 
1000 Jahren noch erquickt und stärkt. Wenn ich mir nun 
solch ein Bild, und zwar an jedem Tage ein neues, eingeprägt 
habe, so ist es meist Dämmerung, und der Tag zu Ende. 
Dann suche ich die Bekannten und Freunde auf; wir theilen 
uns mit, was jeder gethan, d. h. hier genossen hat, und 
sind vergnügt mit einander. Die Abende war ich meist mit 
Bendemanns und Hübners, wo die deutschen Künstler sich 
versammeln; auch zu Schadows gehe ich zuweilen. — Eine 
kostbare Bekanntschaft ist für mich der Abbate Santini, der 
eine der vollständigsten Bibliotheken für alte italienische Musik 
hat und mir gern Alles leiht und giebt, da er die Gefällig— 
keit selbst ist. Abends läßt er sich aber von Ahlborn oder 
mir nach Hause begleiten, weil es einen Abbate in üble Nach— 
rede bringt, wenn er Abends allein auf der Straße gesehen 
wird; daß nun Kerls, wie Ahlborn und ich, einem sechzig— 
jährigen Geistlichen zur Dueñna dienen müssen, ist piquant 
genug. Die Herzogin —*** hatte mir eine Liste von alter 
Musik gegeben, deren Copien sie womöglich zu haben wünschte. 
Sämmtliche Musik besitzt Santini, und ich bin ihm sehr 
dankbar, daß er mir die Copien verschafft; denn ich sehe sie 
nun zugleich durch und lerne sie kennen. Ich bitte Euch, 
mir für ihn als Zeichen meiner Dankbarkeit die sechs Cantaten 
von Seb. Bach, die Marx bei Simrock herausgegeben hat
	        
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