Path:
Erster Theil. Briefe aus den Jahren 1830-1832 An seine Familie. Rom, den 8. November 1830

Full text: Briefe aus den Jahren 1830 bis 1847 von Felix Mendelssohn Bartholdy / Mendelssohn Bartholdy, Felix (Public Domain)

3 
4 
ich ihn denn erreicht, und mir ist so ruhig und froh und 
ernsthaft zu Muthe geworden, wie ich's Euch gar nicht be— 
schreiben kann. Was es ist, das so auf mich wirkt, kann ich 
wieder nicht genau sagen; denn das furchtbare Coliseum und 
der heitere Vatikan und die milde Frühlingsluft tragen dazu 
bei, wie die freundlichen Leute, mein behagliches Zimmer und 
Alles. Aber anders ist mir; ich fühle mich glücklich und ge— 
sund, wie seit langem nicht, und habe am Arbeiten solche 
Freude und Drang darnach, daß ich wohl noch viel mehr 
hier auszuführen gedenke, als ich mir vorgesetzt hatte; denn 
ich bin schon ein ganz Stück hineix Wenn nun Gott mir 
Fortdauer dieses Glückes schenkt, 1. sche ich dem schönsten, 
reichsten Winter entgegen. 
Denkt Euch ein kleines zweifenstriges Haus am spani— 
schen Platz Nr. 5, das den ganzen Tag die warme Sonne 
hat, und die Zimmer im ersten Stock darin, wo ein guter 
Wiener Flügel steht; auf dem Tische liegen einige Portraits 
von Palestrina, Allegri ꝛc. mit ihren Partituren; ein lateini— 
sches Psalmbuch, um daraus „Non nobis“ zu componiren: — 
dafelbst residire ich nun. Am Capitol war mir es zu weit, 
und ich fürchtete vor Allem die kalte Luft, von der ich hier 
freilich nichts zu besorgen habe, wenn ich des Morgens aus 
dem Fenster über den Platz sehe, und sich Alles so scharf im 
Sonnenschein vom blauen Himmel abhebt. Der Wirth ist 
ehemals Capitän unter den Franzosen gewesen; das Mädchen 
hat die herrlichste Contraaltstimme, die ich kenne; über mir 
wohnt ein Königl. Preuß. Hauptmann, mit dem ich zusammen 
politisire: — kurz, das Local ist gut. Wenn ich Morgens 
früh nur in's Zimmer komme, und die Sonne so hell auf 
das Frühstück scheint (Ihr seht, ich bin zum Poeten verdorben), 
da wird mir gleich unendlich behaglich zu Sinn; denn es ist 
doch eigentlich Spätherbst, und wer kann da noch Wärme, 
heitern Himmel oder Trauben und Blumen bei uns bean— 
spruchen? Nach dem Frühstück geht es an's Arbeiten, und 
da spiele und singe und componire ich denn bis gegen Mittag. 
Dann liegt mir das ganze unermeßliche Rom wie eine Auf— 
gabe zum Genießen vor; ich gehe dabei sehr langsam zu Werke 
und wähle mir täglich etwas Anderes, Weltgeschichtliches aus, 
— gehe einmal spazieren nach den Trümmern der alten Stadt;
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.