Path:
Briefe aus den Jahren 1833-1847 An I. Moscheles in London. Leipzig, den 30. November 1839

Full text: Briefe aus den Jahren 1830 bis 1847 von Felix Mendelssohn Bartholdy / Mendelssohn Bartholdy, Felix (Public Domain)

10 
namentlich seit den Ereignissen in Hannover, an denen ich 
vielen Antheil nehme, und die uns unser Vaterland leider 
nicht von einer schönen Seite kennen lehren. So ist weder 
hier noch dort viel erfreuliches Leben, und da kann man 
Gott doppelt danken, daß es ein Leben in der Kunst giebt, 
in welchem es so entfernt von allem Anderen, so einsam und 
doch lebendig zugeht, in das man sich flüchten und bei dem 
man sich wohl befinden kann. 
Chorley scheint an unsern Concerten rechtes Vergnügen 
gehabt zu haben. Wie herrlich wären die auch auf den Fuß 
zu bringen, wenn ein ganz klein bischen Geld da wäre! Aber 
an dem verwünschten Geld stößt und hakt sich's überall, und 
wir kommen lange nicht so vorwärts wie wir möchten; auf 
der einen Seite stehen die Philister und denken, Leipzig sei 
Paris und Alles sei vortrefflich, und wenn die Musiker im 
Orchester nicht hungerten, so wär's nicht Leipzig mehr, und 
auf der anderen stehen die Musiker, oder vielmehr sie gehen, 
sobald sie irgend können, und ich gebe ihnen noch obendrein 
Briefe mit, damit sie aus dem Elend kommen! 
Pott habe ich zu seinem Unternehmen keinen musikalischen 
Beitrag geliefert. Wenn Du sähest, wie häßlich sie's in 
Deutschland jetzt mit den Monumenten treiben, Du hättest es 
auch nicht gethan. Sie speculiren auf die großen Männer, 
um sich von ihrem Namen einen Namen zu machen, posaunen 
in den Zeitungen und machen mit den wirklichen Posaunen 
schlechte Musik. „Unerquicklich wie der Nebelwind.“ Wenn 
sie in Halle für Händel, in Salzburg für Mozart, in Bonn 
für Beethoven u. s. w. ordentliche Orchester bilden wollen, 
die die Werke gut spielen und verstehen können, da bin ich 
dabei, — aber nicht bei ihren Steinen, wo die Orchester noch 
ärgere Steine sind, und nicht bei ihren Conservatorien, wo 
nichts zu conserviren ist. Mein Steckenpferd ist jetzt unser 
armes Orchester und seine Verbesserung. Ich habe ihnen mit 
unsäglicher Lauferei, Schreiberei und Quälerei eine Zulage 
von 500 Thaler ausgewirkt, und ehe ich von hier weggehe, 
müssen sie mehr als das Doppelte haben. Wenn das die 
Stadt thut, so kann sie auch Sebastian Bach ein Monument 
vor die Thomasschule setzen. Aber erst die Zulage. Du siehst, 
ich bin ein ganz rabiater Leipziger. Es würde Dich aber
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.