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Erster Theil. Briefe aus den Jahren 1830-1832 An Paul Mendelssohn Bartholdy. Pressburg, den 27. September 1830

Full text: Briefe aus den Jahren 1830 bis 1847 von Felix Mendelssohn Bartholdy / Mendelssohn Bartholdy, Felix (Public Domain)

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jenen kleinen barbarischen Bauern in langen weißen Röcken, 
den Hut tief im Gesicht, — die schwarzen, glatten Haare 
rund herum gleich abgeschnitten, mit rothbrauner Haut, sehr 
trägem Gang und einem unbeschreiblichen Ausdruck von Gleich— 
gültigkeit und wilder Stupidität; dann ein Paar scharfe, feine 
Alumnen der Theologie in ihren langen blauen Röcken, Arm 
in Arm gehend; ungarische Besitzer in der schwarzblauen Na— 
tionaltracht; Hofbediente; ankommende über und über schmutzige 
Reisewagen. Ich folgte der Menge, wie sie sich langsam 
bergan bewegte, und kam so endlich auf das verfallene Schloß, 
von wo aus man die ganze Stadt und die Donau weithin 
übersieht; überall von den alten weißen Mauern und oben 
von den Thürmen und Balcons sahen Menschen herunter; 
in jeder Ecke standen Jungen und schmierten ihre Namen den 
Wänden für die Nachwelt an; in einem kleinen Gemache (viel— 
leicht war es sonst eine Kapelle oder irgend ein Schlafzimmer) 
wurde jetzt ein ganzer Ochs gebraten und drehte sich am Spieß, 
und das Volk jauchzte dazu; eine große Reihe Kanonen steht 
vor dem Schloß, um bei der Krönung gehörig los zu donnern; 
unten in der Donau, die hier ganz toll wüthet und pfeilschnell 
durch die Schiffbrücke stürzt, lag das neue Dampfboot, das mit 
Fremden beladen eben angekommen war; dazu die Aussicht 
weit in's ebene buschige Land hinein, auf die Wiesen, die von 
der Donau überschwemmt sind, auf die von Menschen wimmeln— 
den Dämme und Straßen, auf die Berge, die mit ungarischem 
Wein von oben bis unten bepflanzt sind: — das Alles ist fern 
und fremd genug. — Und dazu der hübsche Gegensatz, mit den 
freundlichsten, liebsten Leuten zusammen zu wohnen und mit 
ihnen das Neue doppelt überraschend zu finden, — es waren 
wirklich wieder von den Glückstagen, lieber Herr Bruder, die 
der gütige Himmel mir gar so oft und so reichlich schenkt. 
Den 28sf um 1. Der König wäre unter die Haube 
gebracht. Es ist himmlisch schön gewesen. Was soll ich Dir 
viel beschreiben? — In einer Stunde fahren wir alle nach 
Wien zurück, und von da ab gehe ich so weiter. Unter meinem 
Fenster ist Mordlärm, und die Bürgergarde läuft zusammen, 
aber nur um Vivat zu schreien. Ich habe mich allein unter 
dem Volk drängen lassen, während unsere Damen von den 
Fenstern aus Alles sahen, und der Eindruck dieser unalaublick
	        
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