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Briefe aus den Jahren 1833-1847 An Rebecka Dirichlet in Berlin. Düsseldorf, den 26. October 1833

Full text: Briefe aus den Jahren 1830 bis 1847 von Felix Mendelssohn Bartholdy / Mendelssohn Bartholdy, Felix (Public Domain)

zur Ehre, daß die Kirchenmusikanten für die nächste Kirmeß 
sich einen neuen Marsch bei mir ausgebeten haben. 
Vor jenem Sonntag gab es aber noch eine rührende 
Scene. Es soll nämlich für die Musik, welche bisher dabei 
aufgeführt wurde, gar kein passendes Beiwort existiren. Ein 
Kaplan kam und klagte mir seine Noth; der Bürgermeifter 
sagte, sein Vorgänger sei evangelisch gewesen, der habe fich's 
gefallen lassen, aber er wolle selbst in der Procession mit⸗ 
gehen, nun müsse auch die Musik besser sein. Ein ganz alter, 
verdrießlicher Musikant mit einem schabigen Rock, welcher 
bisher den Tact dazu geschlagen hatte, wurde vorgeladen, 
erschien, und als sie ihm auf den Pelz fuhren, sagte er, er 
werde und wolle keine bessere Musik machen; wollten wir es 
besser haben, so möchten wir es einem Andern geben. Er 
wisse wohl, daß man jetzt viel Ansprüche mache; es solle jetzt 
Alles schön klingen, — das sei zu seiner Zeit nicht gewesen, 
und er mache es noch eben so gut wie damals. Da wurde 
es mir wahrhaftig schwer, ihm die Sache abzunehmen, wie⸗ 
wohl es die Andern gewiß besser machen werden; aber ich 
dachte mir so, wenn ich in 50 Jahren einmal auf ein Rath⸗ 
haus gerufen würde, und möchte so sprechen und ein Gelb⸗ 
schnabel schnauzte mich an, und mein Rock wäre so schabig, 
und ich wüßte eben auch gar nicht, warum Alles besser klingen 
sollte, und da wurde mir schecht zu Muthe! — 
Fatal war mir's, daß ich unter allen hiesigen Musikalien 
keine einzige erträglich ernsthafte Messe fand; nichts von 
älteren Italienern, lauter moderner Spectakel. Ich bekam 
Lust, meine Domainen zu bereisen und gute Musik zu suchen; 
so saß ich denn Mittwoch nach dem Verein im Wagen, fuhr 
nach Elberfeld, und trieb die Improperien von Palestrina, 
die Miserere's von Allegri und Bai, und auch die Partitur 
und Stimmen vom Alexanderfest auf, nahm sie gleich mit, 
und fuhr nach Bonn. Dort kramte ich die Bibliothek allein 
durch, weil der arme Breidenstein so krank ist, daß er schwer⸗ 
lich aufkommen wird, — doch gab er mir die Schlüssel und 
lieh mir Alles. Ich fand prächtige Sachen, und nahm von 
dort wieder sechs Messen von Palestrina, eine von Lotti, eine 
von Pergolese und Psalmen von Leo, Lotti u. s. w. mit. 
Endlich in Cöln trieb ich die besten, alt⸗italienischen Stücke
	        
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