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Full text: Briefe aus den Jahren 1830 bis 1847 von Felix Mendelssohn Bartholdy / Mendelssohn Bartholdy, Felix (Public Domain)

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heraus und doch so sehr ruhig! Voriges Jahr waren alle 
die Anlagen wohl schon da; sie hatte kein Lied geschrieben, 
worin nicht irgend ein sonnenklarer Zug von Talent war, 
und da trommelten M— und ich zuerst Lärmen in der Stadt 
unter den Musikern; es wollte uns aber keiner so recht 
glauben. Seitdem aber hat sie den merkwürdigsten Fort— 
schritt gemacht. Wen die jetzigen Lieder nicht packen, der 
fühlt überhaupt gar Nichts, und so ist es nun gar leider 
Mode geworden, das kleine Mädchen um Lieder zu bitten, 
ihr die Lichter vom Clavier fortzunehmen, um sich an ihrer 
Melancholie in Gesellschaft zu freuen. Das bildet einen bösen 
Contrast, und mehreremals, wenn ich nach ihr auch Etwas 
spielen sollte, war ich es nicht im Stande und ließ die Leute 
ablaufen. Denn es ist möglich, daß sie von all' dem Gerede 
noch verdorben werden kann, weil Niemand neben ihr steht, 
der sie verstehen oder leiten könnte, und weil sie selbst sonder— 
barer Weise noch ganz ohne musikalische Bildung ist, Weniges 
kennt, kaum gute Musik von schlechter unterscheiden kann und 
eigentlich außer ihren eigenen Sachen Alles wunderbar schön 
findet. Käme sie zu einer Art Zufriedenheit mit sich selbst, 
so wäre es gleich vorbei. Ich habe nun das Meinige gethan 
und die Eltern und sie selbst auf's Eindringlichste gebeten, 
die Gesellschaften zu vermeiden und so etwas Göttliches nicht 
vergehn zu lassen. Der Himmel gebe nur, daß es helfen 
möge. Vielleicht schicke ich Euch, Ihr Schwestern, bald einige 
ihrer Lieder, die sie mir aus Dankbarkeit abgeschrieben hat, 
weil ich sie lehre, was sie eigentlich schon von Natur weiß, 
und sie ein wenig zur guten und ernsthaften Musik ange⸗ 
halten habe. 
Auch spiele ich täglich eine Stunde Orgel; kann aber 
leider nicht üben, wie ich wollte, weil das Pedal um fünf 
hohe Töne zu kurz ist, so daß man keine Seb. Bach'sche 
Passage darauf machen kann. Aber es sind wunderschöne 
Register darin, mit denen man Choräle figuriren kann; da 
erbaue ich mich denn am himmlischen strömenden Ton des 
Instruments; namentlich, Fanny, habe ich hier die Register 
gefunden, mit denen man Seb. Bach's „Schmücke dich, o liebe 
Seele“ spielen muß. Es ist, als wären sie dazu gemacht, 
und klingt so rührend, daß es mich allemal wieder durch—
	        
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