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Erster Theil. Briefe aus den Jahren 1830-1832 An seine Familie. Rigikulm, den 30. August 1831

Full text: Briefe aus den Jahren 1830 bis 1847 von Felix Mendelssohn Bartholdy / Mendelssohn Bartholdy, Felix (Public Domain)

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Auch kamen ab und zu Leute, und man plauderte von den 
schweren, ängstlichen Zeiten, von Politik und von den hellen 
Bergen drüben. So verstrich der Morgen; endlich um 
1,11 Uhr mußte ich fort. Es war die höchste Zeit, weil 
ich heut noch nach Einsiedeln wollte über den Haken. Unter⸗ 
wegs aber auf dem steilen Wege nach Lowerz brach mir mein 
treuer Regenschirm, der mir zugleich als Bergstock diente, in 
viele Stücke entzwei; das hielt mich auf, so daß ich lieber 
hier geblieben bin und morgen ganz frisch hinüber gehe. 
Wallenstadt, den 2. September. 
(Regen⸗ und Sturmjahr.) Motto: „Von dem ersoffenen 
Kupferschmied. Und wer das neue Lied nicht kann, der fängt 
das alte von vorne an.“ Da sitze ich wieder mitten in den 
Dünsten und Wolken, kann nicht vorwärts und nicht rück— 
wärts, und wenn's Glück gut ist, kann es wieder eine kleine 
UÜberschwemmung geben. Als ich über den See fuhr, 
prophezeiten die Schiffer vortreffliches Wetter; folglich fing 
es eine halbe Stunde darauf zu regnen an und hört wohl 
so bald nicht auf; denn die Wolken hängen wieder so traurig 
schwer, wie man es nur im Gebirge kennt. Würde es in 
drei Tagen noch so arg, ich machte mir Nichts draus; aber 
es wäre Schade, wenn die Schweiz mir zum Abschiede solch 
ein böses Gesicht nachschnitte. Eben komme ich aus der 
Kirche, wo ich drei Stunden lang bis in die tiefste Dämmerung 
Orgel gespielt habe. Ein alter, lahmer Mann trat die 
Balgen; sonst war kein Mensch in der Kirche. Das einzige 
Register, das brauchbar war, war eine sehr weiche, dumpfe 
Flöte im Manual und ein unbestimmter Subbaß, 16 Fuß 
im Pedal; damit habe ich denn die ganze Zeit phantasirt und 
kam am Ende in eine Choralmelodie in Ewoll, ohne daß 
ich mich besinnen konnte, wo sie her sei. Ich konnte sie nicht 
los werden, und auf einmal fiel mir ein, daß es die Litanei 
war, deren Musik mir im Kopfe lag, weil mir die Worte im 
Herzen liegen; nun hatte ich ein weites Feld und viel zu 
phantasiren. Zuletzt kam der schwindsüchtige Subbaß ganz 
allein
	        
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