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Erster Theil. Briefe aus den Jahren 1830-1832 Fortsetzung. Engelberg, den 23. August 1831

Full text: Briefe aus den Jahren 1830 bis 1847 von Felix Mendelssohn Bartholdy / Mendelssohn Bartholdy, Felix (Public Domain)

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Feiertag im Dorf und auf allen Bergen. — Wenn man so 
nach langem Nebel und Ungemach wieder einmal Morgens 
am Fenster die ganze, reine Bergkette mit allen Spitzen sieht, 
das thut sehr wohl. Sie sind nach dem Regen bekanntlich 
am schönsten; aber heut sahen sie so klar aus, als seien sie 
aus dem Ei geschält. Das Thal giebt keinem der Schweiz 
etwas nach; komme ich je wieder hierher, so soll es mein 
Hauptpunkt sein; es ist noch lieblicher und breiter und freier 
als Chamouny, und luftiger als Interlaken. Die Spann— 
örter sind unglaubliche Zacken, und der runde mit Schnee 
belastete Titlis, der den Fuß in den Wiesen hat, und die 
Urner Felsen aus der Ferne sind auch nicht übel. Jetzt ist 
noch dazu Vollmond; das Thal ist geschmückt. Ich habe den 
ganzen Tag Nichts gethan als gezeichnet und Orgel gespielt. 
Heut früh versah ich meinen Organistendienst; da war es 
prächtig. — Die Orgel ist gleich beim Hochaltar neben den 
Chorstuͤhlen für die Patres. So nahm ich denn meinen Platz 
mitten unter den Mönchen, der wahre Saul unter den Pro⸗ 
pheten; neben mir strich ein bbser Benedictiner den Contrabaß, 
einige andere Geige; einer der Honoratioren geigte vor. Der 
Pater praeceptor stand vor mir, sang Solo und dirigirte 
mit einem armdicken, langen Prügel; die Eleven des Klosters 
machten den Chor in ihren schwarzen Kutten; ein alter, re⸗ 
ducirter Landmann spielte auf einer alten, reducirten Hoboe 
mit, und ganz in der Ferne saßen zwei und tuteten still in 
große Trompeten mit grünen Quasten. Und mit alledem 
war das Ding sehr erfreulich; man mußte die Leute lieb haben; 
denn sie hatten Eifer und alle arbeiteten so gut sie konnten. 
Es wurde eine Messe von Emmerich gegeben; jeder Ton hatte 
seinen Zopf und seinen Puder; ich spielte treulich den General— 
baß aus meiner bezifferten Stimme; setzte von Zeit zu Zeit 
Blaseinstrumente hinzu, wenn ich mich langweilte, machte auch 
die Responsorien, phantasirte auf das gegebene Thema, mußte 
am Ende auf Begehren des Prälaten einen Marsch spielen, 
so hart es mir auf der Orgel ankam, und wurde ehrenvoll 
entlassen. Heut Nachmittag mußte ich den Mönchen wieder 
allein vorspielen; sie gaben mir die hübschesten Themas von 
der Welt, unter andern das Credo. Da ist mir eine Phan— 
tasie darauf gut gelungen; es ist die erste in meinem Leben,
	        
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