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Erster Theil. Briefe aus den Jahren 1830-1832 Luzern, den 27. August 1831

Full text: Briefe aus den Jahren 1830 bis 1847 von Felix Mendelssohn Bartholdy / Mendelssohn Bartholdy, Felix (Public Domain)

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ich in der Instrumentalmusik schon anfange zu wissen, was 
ich eigentlich wollen soll und mir selbst viel klarer und ruhiger 
darüber bin, weil ich mehr darin gearbeitet habe: — kurz, es 
treibt mich. Dazu kommt nun noch, daß ich dieser Tage sehr 
demüthig geworden bin durch einen Zufall, der mir aber noch 
immer im Sinne liegt. Im Engelberger-Thal fand ich „Wil—⸗ 
helm Tell“ von Schiller, und wie ich ihn hier wieder las, 
wurde ich von Neuem ganz entzückt und glücklich über solch 
ein himmlisches Kunstwerk und über all' die Glut und Be— 
geisterung und das Feuer darin. Da fiel mir plötzlich ein 
Wort von Goethe ein, der mir in einem langen Gespräch 
über Schiller einmal sagte: „Schiller hätte jährlich zwei große 
Trauerspiele liefern können, andere Gedichte abgerechnet.“ 
Dieser handwerksmäßige Ausdruck, das Liefern, frappirte mich 
auf einmal sehr, als ich das frische, warme Stück las, und 
mir erschien diese Thätigkeit so ungeheuer großartig, daß mir 
vorkam, als hätte ich eigentlich in meinem Leben noch gar 
nichts Rechtes hervorgebracht. Es steht noch Alles so sehr 
vereinzelt da; es ist mir, als müßte ich auch einmal was 
liefern. — Finde Das nicht unbescheiden, ich bitte Dich, 
sondern glaube mir, daß ich es nur sage, weil ich weiß, was 
sein sollte, und was nicht ist. Wo ich aber dazu Gelegen— 
heit finden soll — es nur anfangen kann —, das ist mir 
bis heut ganz unbegreiflich. Wenn es aber meine Aufgabe 
ist, so werde ich die Gelegenheit finden, das glaube ich fest; 
und finde ich sie nicht, so wird es ein Anderer sein müssen; 
dann wüßte ich aber nicht, warum es mich so dazu hintriebe. — 
Wenn Du es erreichst, nicht Sänger, Decorationen und 
Situationen, sondern Menschen, Natur und das Leben Dir 
zu denken und hinzustellen, so bin ich überzeugt, daß Du die 
besten Operntexte schreiben wirst, die wir haben; denn wenn 
Einer die Bühne so kennt, wie Du, so kann er schon nichts 
Undramatisches schreiben, und ich wüßte auch gar nicht, was 
Du von Deinen Versen anders wolltest. Ist es von innen 
heraus für die Natur und die Musik gefühlt, so sind die 
Verse musikalisch, wenn sie sich auch im Textbuch noch so hinkend 
ausnehmen; schreib dann meinethalben Prosa — wir wollen 
es schon componiren. Aber wenn Form in Form gegossen 
werden soll, wenn die Verse musikalisch gemacht und nicht
	        
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