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Erster Theil. Briefe aus den Jahren 1830-1832 An seine Familie. Mailand, den 14. Juli 1831

Full text: Briefe aus den Jahren 1830 bis 1847 von Felix Mendelssohn Bartholdy / Mendelssohn Bartholdy, Felix (Public Domain)

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will ich Euch erzählen. Erstlich nahm ich mir gleich ein Tafel⸗ 
clavier und packte die ewige Walpurgisnacht mit rabbia an, 
damit das Ding ein Ende nähme. Auf morgen früh wird 
sie auch richtig fertig, d. h. bis auf die Ouvertüre, von der 
ich noch nicht weiß, ob ich eine große Symphonie oder eine 
kurze Frühlingseinleitung mache. Hierüber möchte ich einen 
Gelehrten hören. Nun ist das Ende besser geworden, als 
ich mir selbst gedacht hatte. Das Ungethüm und der bärtige 
Druide mit seinen Posaunen, die hinter ihm stehen und tuten, 
macht mir königlichen Spaß, und so brachte ich ein paar 
Morgen sehr glücklich zu. Noch trug zu meiner Freude der 
Tasso bei, den ich zum erstenmale ordentlich und ohne Pein— 
lichkeit durchlese. Es ist ein prachtvolles Gedicht; mir that 
es wohl, daß ich den Goethe'schen Tasso kannte; bei den 
Hauptstellen wurde ich immer daran erinnert; denn ganz wie 
der Dichter dort sind seine Verse so träumerisch süß und zart; 
man erquickt sich ordentlich an ihrem Wohlklang. Deine 
Lieblingsstelle, lieber Vater, „Era la notte allor“, ist mir 
wohl wieder aufgefallen. Aber besonders liebe ich den ganzen 
Gesang, wo Clorinde getödtet wird; der ist wunderschön und 
phantastisch. Nur das Ende davon will mir nicht gefallen. 
Die Klagen Tancred's kommen mir mehr schön gemacht, als 
wahr vor; es sind so viele sinnreiche Gedanken und Gegen— 
sätze darin, und gar die Worte des Eremiten, die ihn be— 
ruhigen, klingen Einem noch eher wie ein Spott auf den 
Eremiten selbst; ich hätt' ihn todt gemacht, wenn er mir so 
geredet hätte. Aber als ich neulich im Wagen die Episode 
der Armide las, umgeben von einer italienischen Theater⸗ 
gesellschaft, die unaufhörlich Rossini's „AIa trema, trema“ 
sang, da kam mir auf einmal wieder Gluck's „Vous m'allez 
quitter“‘“ und das Einschlafen Rinald's und die Fahrt in die 
Luft vor die Seele, und mir wurde fast weinerlich zu Muthe. 
Das ist Musik, so haben die Menschen gesprochen und gefühlt, 
und so bleibt es ewig. Ich hasse die jetzigen Liederlichkeiten 
von Herzen. Nimm mir es nicht übel; Dein Spruch ist ja: 
Ohne Haß keine Liebe, und es war mir so sonderbar, als 
mir da Gluck einfiel mit seinen großen Gestalten. 
Die Abende war ich immer in Gesellschaft, und zwar 
in Folge eines verrückter Streichs, der mir wieder einmal
	        
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