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Erster Theil. Briefe aus den Jahren 1830-1832 An seine Familie. Neapel, den 17. Mai 1831

Full text: Briefe aus den Jahren 1830 bis 1847 von Felix Mendelssohn Bartholdy / Mendelssohn Bartholdy, Felix (Public Domain)

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London oder Paris gehen Selbst die Dresdener Gesellschaft, 
die ich in Leipzig vorige- Jahr hörte, ist besser, als irgend⸗ 
eine hier. Es ist ja auch natürlich; beim grenzenlosen Elend, 
das man hier überall sieht, — wo soll sich da ein Boden 
zur Erhaltung eines Theaters, das jetzt doch einmal große 
Mittel braucht, finden? und die Zeit, wo jeder Italiener 
geborner Musiker war, ist, wenn sie jemals gewesen, lange 
vorbei. Sie behandeln es wie jeden Modenartikel, kalt, 
gleichgültig, kaum mit dem Interesse des äußerlichen Anstandes, 
und da ist es nicht zu verwundern, wenn jedes einzelne Talent, 
wie es aufkommt, gleich in die Fremde zieht, wo es besser 
anerkannt, besser an seinen Platz gestellt wird, und wo es 
Gelegenheit findet, etwas Ordentliches, Herzstärkendes zu hören 
und zu lernen. — Der einzige Tamburini hier ist recht gut. 
Man hat ihn aber längst schon in Wien, in Paris und, ich 
glaube, auch in London gehört, und jetzt, wo er anfängt, seine 
AÄbnahme zu fühlen, geht er nach Italien zurück. Auch daß 
die Italiener die Gesangskunst allein besitzen sollen, kann ich 
nicht begreifen; denn was ich von italienischen Sängern und 
Sängerinnen Kunstreiches gehört habe, das kann die Sontag 
auch und in noch höherem Grade; sie hat es zwar, wie sie 
sagt, meist von der Fodor gelernt, aber warum sollte denn 
nun eine andere Deutsche es nicht von der Sontag lernen 
können? Und die Malibran ist eine Spanierin. Diese Glorie 
vom „Lande der Musik“ kann Italien nicht behalten; in der 
That hat es sie schon verloren und wird es auch vielleicht 
bald in der Meinung der Leute, obwohl das letztere zufällig 
ist. Ich war neulich in einer Gesellschaft Musiker, wo man 
von einer neuen Oper eines Neapolitaners, Coccia, sprach 
und wissen wollte, ob sie gut sei? „Wahrscheinlich ist sie gut,“ 
sprach einer der Musiker, „denn Coccia war lange in England, 
hat da studirt, und es haben dort auch einige seiner Sachen 
gefallen.“ Das war mir auffallend, man würde in England 
gerade so von Italien gesprochen haben. Aber quo me rapis? 
Euch lieben Schwestern sag' ich heut nichts, schicke aber in 
den nächsten Tagen einen kleinen persönlichen Aufsatz, der 
Euch zugeeignet ist. Erschreckt nicht! ich dichte nicht; das 
Ding ist und heißt nur: Ein Tagebuch der Spazierfahrt nach 
den Inseln im Mai. Felir.
	        
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