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Erster Theil. Briefe aus den Jahren 1830-1832 An seine Familie. Neapel, den 20. April 1831

Full text: Briefe aus den Jahren 1830 bis 1847 von Felix Mendelssohn Bartholdy / Mendelssohn Bartholdy, Felix (Public Domain)

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bin ich Abends um Peun zu Bett gegangen und Morgens 
um Fünf aufgestanden, um von meinem Balcon herab mich 
an dem Vesuv, dem Meer, der Küste von Sorrent in der 
Morgenbeleuchtung zu erquicken; dann habe ich große, sehr 
einsame Spaziergänge zu Fuß gemacht, mir meine eigenen 
Lieblingspunkte selbst herausgesucht, wobei ich dann die Freude 
hatte, daß mein schönster Punkt ein den Neapolitanern fast 
ganz unbekannter war. Bei diesen Spaziergängen suchte ich 
mir irgend ein Haus auf der Höhe aus, auf das ich mich 
hinarbeitete, oder ging nur nach der Idee, ließ mich von der 
Nacht mit dem Mondschein überraschen, machte dann mit 
Vignerolen Bekanntschaft, um mich wieder zurück zu finden, 
so daß ich endlich ganz müde gegen Neun durch die Villa 
Reale nach Hause kam. Wie dann im Mondschein von der 
Villa aus sich das Meer mit dem reizenden Capri macht, 
wie da die blühenden Akazien fast betäubend duften, wie 
sonderbar sich die Fruchtbäume ausnehmen, die ganz mit rosa 
Blüthen überschüttet sind und wie rosa belaubte Bäume aus— 
sehen: — das ist schon wieder unbeschreiblich. Und weil ich 
denn eben meist nur in und mit der Natur gelebt habe, so 
kann ich weniger schreiben, als sonst; vielleicht kommen wir 
mündlich einmal darauf zurück; dann werden die Bilderchen 
in unserm Wohnzimmer Stoff und Anknüpfungspunkte zu 
Erzählungen geben. Nur noch das Eine, daß ich mit Dir, 
liebe Fanny, übereinstimme, indem Du einmal vor langen 
Jahren sagtest, Dein Liebling sei die Insel Nisida; vielleicht 
hast Du es schon vergessen, ich aber nicht. — Sie liegt vor 
Einem, als sei sie nur zum Lustort erschaffen. Wenn man 
aus dem Gehölz von Bagnuolo kommt, erschrickt man fast, 
weil sie so nah und groß und grün aus dem Meere aufsteigt, 
während die andern Inseln, Procida, Ischia und Capri, in 
weiter Ferne ungewiß mit ihren blauen Schatten dastehen. 
Zugleich hat sich Brutus nach Caesar's Ermordung auf der 
Insel versteckt, und Cicero hat ihn dort besucht; damals lag 
das Meer ebenso dazwischen, und die Felsen hingen auch so 
gebogen in's Meer, und es wuchs Grün darauf, wie jetzt. 
Das sind die Alterthümer, die mir gefallen und was zu 
denken geben, mehr als ein paar Brocken Mauerwerk! — 
Solch einen gründlichen Aberglauben, solche Betrügungssucht,
	        
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