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Erster Theil. Briefe aus den Jahren 1830-1832 An seine Familie. Rom, den 4. April 1831

Full text: Briefe aus den Jahren 1830 bis 1847 von Felix Mendelssohn Bartholdy / Mendelssohn Bartholdy, Felix (Public Domain)

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aber nicht wohl. Die Folqge des Miserere von Allegri ist 
eine einfache Accordfolge, cin die entweder Tradition, oder, 
was mir wahrscheinlicher ist, ein geschickter maestro, Ver— 
zierungen für einige schöne Stimmen und namentlich für einen 
sehr hohen Sopran, den er hatte, gegründet hat. Diese Ver— 
zierungen kehren bei denselben Accorden in gleicher Weise wieder, 
und da sie gut ausgedacht und sehr schön für die Stimme 
gelegt sind, so freut man sich immer, sie wieder zu hören. 
Das Unbegreifliche, Überirdische habe ich nicht finden können; 
es ist mir auch ganz genug, wenn es begreiflich und irdisch 
schön ist. Dich, liebste Fanny, verweise ich wieder auf Zelter's 
Brief. Sie sangen den ersten Ton des Miserere von Baini. 
— Donnerstag früh um Neun fing die Function wieder an 
und dauerte bis Eins. Es war große Messe, nachher Pro— 
cession. Der Papst gab den Segen aus der Loggia des 
Quirinals und wusch dann dreizehn Priestern, welche die Pilger 
vorstellen sollten und in weißen Kleidern mit weißen Mützen 
in einer Reihe saßen, die Füße, worauf sie gespeisst wurden. 
Das Gedränge von Engländerinnen war ungeheuer; — mir 
mißfiel das Ganze. Nachmittags fingen die Psalmen wieder 
an, und es dauerte diesmal bis halb Acht. Einige Stücke 
des Miserere waren von Baini, die meisten von Allegri. Es 
war schon ganz dunkel in der Capelle, als das Miserere an⸗ 
fing; ich kletterte auf eine große Leiter, die zufällig dastand, 
und hatte nun die ganze Capelle voll Menschen und den 
knieenden Papst mit seinen Cardinälen und die Musik unter 
mir. Das machte sich prächtig. Am Freitag Vormittag war 
die Capelle von allem Schmuck entblößt, — Papst und Car—⸗ 
dinäle in Trauer. Es wird die Leidensgeschichte nach dem 
Evangelisten Johannes von Vittoria componirt gesungen. 
Dann kommen die Improperien von Palestrina, während deren 
der Papst und alle Anderen mit abgezogenen Schuhen zum 
Kreuz gehen und es anbeten. — Abends war das Miserere 
von vane welches sie am besten sangen. Sonnabend früh 
im Lateran wurden Heiden, Juden und Muhamedaner, alle 
von einem kleinen Kinde repräsentirt, welches quäkte, im 
Baptisterium des Lateran getauft, und dann jungen Priestern 
die erste Weihe gegeben. Sonntag hielt der Papst selbst die 
Messe im Quirinal ab, gab dann die Benediction an's Volk,
	        
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