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Anhang II. Zu Kapitel 8

Full text: Das Leben des Staatsrath Kunth / Goldschmidt, Friedrich (Public Domain)

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zsieht also Schlesien aus seiner Wolle jetzt über eine Million Thaler 
mehr, als in den besten Jahren vor 1806. Rechnet man dazu die 
diesjährige Weizen- und Gersteausfuhr, welche dauerhaft zu werden 
verspricht, mit 2 Millionen Thalern, so wäre der Provinz im Ganzen 
durch diese beiden Gegenstände allein auf das reichlichste ersetzt, was sie 
im Leinwandhandel dies Jahr gegen das glänzendste von 1785 verloren 
hat. Es hat sich auf der Reise verschiedentlich Gelegenheit gefunden, 
die Produzenten, wenn sie über den stockenden Flachshandel klagten, an 
den Weizen und die Wolle zu erinnern. 
Das Fabrikwesen in Schlesien ist seiner Quantität nach von 
der größten Bedeutung; um so mehr ist zu bedauern, daß im Verhältniß 
zu der Masse die Fabriken fehlen, und im Ganzen der Fabrikengeist. 
Je mehr sich in den letzten 20 oder 30 Jahren das Fabriciren in allen 
Ländern, fast wie eine Mode, ausgebreitet, folglich die Konkurrenz auf allen 
Märkten der Welt vermehrt hat, und je gewisser es ist, daß es in allem Han— 
del einen höchsten Punkt gibt, von welchem an, weil er die Konkurrenz auf— 
regt, nur Abnahme erwartet werden kann, um so dringender war es, dieser 
Konkurrenz das einzige, wenigstens noch eine Zeit lang wirkende Mittel ent— 
gegenzusetzen: die Vereinigung der möglich größten innern 
GBüte, Mannigfaltigkeit und äußern Schönheit mit dem 
möglich wohlfeilsten Preise. Statt dessen hat man, wie von jeher, 
besonders bei der Leinwand, zum Theil auch bei der Tuchfabrikation, nur die 
letztere Eigenschaft gesucht, auf Kosten der ersteren; und dies den bekanntesten 
Handelsmaximen entgegen, in der neueren Zeit um so geflissentlicher, je 
— 
den niedrigen Preis erzwingen. Der Erfolg ist gewesen, wie wenn 
Jemand bei wohlfeilen Kornpreisen den Scheffel verkleinern wollte. 
Diese Verfahrungsart hat ihren Grund in der ganzen Verfassung 
des Fabrikwesens, vorzüglich bei den Hauptzweigen, der Leinwand- und 
der Tuchfabrikation. Es gibt, wie schon erwähnt, nur handwerksmäßige 
Arbeiter auf der einen Seite, auf der andern Händler, die sich Kaufleute 
nennen, unter welchen aber die meisten vom Handel nur so viel wissen, 
als sich an ihrem Wohnorte lernen läßt, durch Korrespondenz mit Ham— 
burg oder Bremen oder durch persönlichen Umgang mit Russen und 
Polen; ein großer Theil Leute von geringer Herkunft: Spinner, Weber, 
Appreteurs; oder nicht einmal von diesen verwandten Gewerben; sondern 
auch Gerber, Kutscher, Hausknechte, die nach und nach an die Spitze 
großer Geschäfte gekommen sind. Ausnahmen machen die Fremden, die 
sich in Schlesien niedergelassen haben; zum Theil auch die Söhne einiger 
größern Häuser, besonders in Breslau, Liegnitz und einigen Gebirgs— 
städten. Von beiden sind in den Spezialberichten mehrere ausgezeichnet. 
Männer aber, wie einst der bergische Hasenclever, welcher die großen 
europäischen Fabrikstaaten und Amerika aus eigener Ansicht genau kannte, 
und die jetzt nöthiger wären, als jemals, wird man in Schlesien ver— 
geblich suchen. Man glaubt, den Handel schon durch Briefe genug zu
	        
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