Path:
Anhang II. Zu Kapitel 8

Full text: Das Leben des Staatsrath Kunth / Goldschmidt, Friedrich (Public Domain)

199 
stens sie zu einem nützlichen Zwecke zu lenken; noch weniger, um den 
Gewerbestand geistig zu heben, um das bedeutende Fabrikwesen, be— 
sonders in Leinen und Wolle mit dem gleichartigen ausländischen in 
Fortschritt, den Handelsstand mit der Handelswelt in Bekanntschaft und 
Verbindung zu bringen; — daß die Stuhl- und ihre Hülfsarbeiter so— 
gar vom Militärdienste frei und dadurch noch fester in ihrem Boden 
eingewurzelt blieben: dieses Alles, so sehr Einiges für die erste Zeit 
durch politische Rücksichten gerechtfertigt ist, konnte in dem langen Zeit— 
raume von 76 Jahren nicht anders, als den Provinzialgeist, den Glauben 
an die Nothwendigkeit besonderer Staatsfürsorge nähren, dem großen 
Ganzen des Staats entfremden — noch jetzt ist Wien mehr besucht und 
bekannt als Berlin, die Maschinenbauer in Brünn oder Reichenberg sind 
es mehr als Cockerill — den Webereien, die ohnehin dem schlesischen 
Nationalcharakter vorzüglich zusagen, noch mehr Hände, als sonst geschehen 
wäre, zuführen; die Gewerbsamkeit überhaupt in der Mittelmäßigkeit, 
die sich bloß auf Wohlfeilheit stützt, den Handel fortdauernd in Abhängig— 
keit von den nächsten großen Plätzen erhalten. Das wahre feste Band, 
welches Schlesien mit dem preußischen Staate verknüpft — es sind nicht 
die vielfachen besonderen Wohlthaten Friedrichs 1JI. und seiner Nach— 
folger; es ist — man gesteht es im Lande selbst — die Denk- und 
Gewissensfreiheit und die Oder. 
Diese kurzen Erinnerungen an einige Hauptmomente der Kultur— 
geschichte Schlesiens werden hier nic genz außer ihrem Orte zu sein 
scheinen. 
Woher ist entstanden, daß in einem Lande von 45 Meilen Länge 
(nur nach den jetzigen Grenzen von Grünberg bis Pleß gemessen) und 
von etwa 25 Meilen größter Breite (von Lewien bis Freihan), dessen 
ausgedehnte Grenze kaum auf eine Strecke von etwas über 20 Meilen 
mit deutschen Provinzen zusammenstößt, und welches, gleichzeitig mit 
seinen östlichen und westlichen Nachbarn, die Beute desselben fremden 
Volkes wurde, deutsche Sprache und deutsche Sitten herrschend sind? 
Woher dennoch diese Abgeschiedenheit von Deutschland und von dem 
preußischen Staate selbst? Diese merkliche Verschiedenheit des Charakters 
des Schlesiers und Brandenburgers und diese Uebereinstimmung mit dem 
Polen? Woher, daß Reinlichkeit und Schmutz, Roheit und Civilisation 
sich so nahe begegnen? Woher diese fast beispiellose Genügsamkeit, 
diese wenigen Bedürfnisse des Volkes; dieser niedrige Stand der Löhne, 
welcher, trotz der unleugbaren Wohlhabenheit der Produzenten und des 
Handelsstandes diejenigen demnach in einige Verlegenheit setzen muß, 
die den allgemeinen Reichthum des Staats und den Schatz Friedrichs II. 
bloß auf den schlesischen Leinwandhandel gründen? Woher dieser fromme 
Sinn, welcher sich noch täglich in Vermächtnissen oder unmittelbaren 
Bewilligungen zu wohlthätigen Zwecken, vorzugsweise gegen alle anderen 
Provinzen beurkundet? Woher, daß die Gewerbsamkeit fast nur Kauf— 
leute und handwerksmäßige Arbeiter kennt; unter jenen wenige von
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.