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Anhang VI. Aus zwei Aufzeichnungen von Karoline Wilken über ihren Vater Johann Friedrich August Tischbein und über ihre eigene Jugendzeit

Full text: Der Geschichtsschreiber Friedrich Wilken / Stoll, Adolf (Public Domain)

etwa 30 Jahren, seinem Vater adjungiert, dessen Titel er 
aber, wie ich glaubz damals urch nicht führte. 
a dieer einfachen Faw'“ie paßte mein Vater, welcher 
auf seinen Reisen nn den seinen Aufenthalt in Paris, 
Rom, Neapel unt Wien eine genz endere Welt hatte 
kennen lernen, allerdings nicht besenderen Die altbürger— 
lichen, derben Formen der guten Leute versenten seinen ver— 
wöhnten Geschmack, während sie wiederum an seiner ver— 
feinerten Art und Weise manchen Anstoss nahmen, woraus 
dann ein nicht sehr behagliches Familienverhältnis entstand. 
Selbst die Mutter hatte als Braut, so zärtlich der Vater sie 
liebte, unter Anforderungen desselben zu leiden, die sie vermöge 
ihrer Erziehung nicht befriedigen konnte, obwohl ihre An— 
mut und Gefügigkeit sie bald fähig machten, in den vor— 
nehmsten Kreisen ohne Anstoß aufzutreten. So lange die 
Mutter als Braut noch im elterlichen Hause lebte, be— 
hauptete die Großmutter ihr Ansehen, ohne alle mildernde 
Rücksicht auf des Bräutigams Gegenwart, der, wenn seine 
Braut „die Woche hatte“, d. h. kochen mußte, entweder ge— 
nötigt war, sie bei seinen Margenbesuchen in der Küche 
aufzusuchen oder zu warten, bis alles fertig war. Der— 
selbe Fall trat bei der Wäsche ein, welche von den 
Töchtern des Hauses meist allein besorgt wurde. Sehr 
bezeichnend für die Sitte des Hauses ist es auch, daß die 
Mutter selbst an ihrem Hochzeitstag um drei Uhr des 
Morgens aufstehen und eigenhändig den Festkuchen backen 
mußte, zum äußersten Verdruß ihres Verlobten; aber hier 
half kein Einreden, kein Bitten, es mußte nach dem Willen 
der Großmutter gehen 
Mein Vater war u L?colscw angestellt, wohnte aber 
nicht gern dor‘, da er als Künseler in der kleinen Stadt 
so gut wie alles entbehrte, und bie Mutter konnte sich 
trotz ihrer gefälligen, leicht verträglichen Natur nicht wohl 
mit der Stiefmutter und der Stiefschwester der Vaters be— 
freunden, welche im Hause mitwohnten.
	        
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