Path:
Vorbemerkung

Full text: Der zweite Prozess Ahlwardt wegen Beleidigung des Magistrats und anderer Personen (Public Domain)

Weit schwerwiegender und bedeutungsvoller sind die Angriffe, welche 
der Angeklagte in seinem Druckheft gegen die städtische Verwaltung im 
allgemeinen und die städtische Schuldeputation im besonderen richtet. 
Ein besonderes Kapitel betitelt sich: „Das Judenthum in der Berliner 
Gemeindeverwaltung.“ Er behauptet, daß die Berliner Gemeindever— 
waltung ganz und gar in Judenhände gefallen sei und daß die städtische 
Schuldeputation zum größten Theil aus Juden bestehe. Wie viele Millionen 
bei Grundftücksankäufen und Verkäufen „nebenher“ flössen, lasse sich schwer 
sagen. Er behauptet, daß in vielen Fällen anzukaufende Grundstücke in die 
Haͤnde von Stadtverordneten oder deren Angehörigen gerathen wären und 
dann mit ungeheurem Nutzen an die Stadt verkauft worden seien. Als Bei— 
spiele führt er Osdorf, den städtischen Viehhof, die Markthalle in der Dorotheen— 
straße, die Margarethenschule, die Häuser, welche wegen des Durchbruches der 
Zimmerstraße angekauft werden mußten, die Grundstücke am Urban, den An— 
kauf des Gartens vom Hause Friedrichstraße 127 2c. auf. Wer politische 
Sklaverei und die raffinirteste, tödtlichste, politische Verfolgung und Knechtung 
kennen lernen wolle, der müsse nach Berlin kommen. Die Corruption, welche 
dem Inhalte des Druckheftes nach in Berlin herrschen muß, sucht der Ange— 
klagte durch gelegentliche kleine Geschichten zu erweisen. So erzählt er, daß 
ein gänzlich unfähiger Lehrer Rector geworden sei, nur weil er in der Familie 
des Dr. Straßmann Privatunterricht gegeben habe. Er behauptet, daß sein 
früherer Schuldiener Augustin angestiftet worden sei, ihm Entwürfe zu 
Zeitungsartikeln, Verzeichnisse seiner Schulden und ähnliche Sachen zu stehlen, 
uüm der Behörde als Material zum Vorgehen gegen ihn zu dienen. Nach 
seiner Behauptung sei ein von ihm namhaft gemachter Lehrer von einem be— 
stimmten Reetor direct zu verbrecherischen Handlungen aufgefordert, die 
Disciplinar-Untersuchung gegen ihn sei mit ganz unlauteren Mitteln vor— 
bereitet worden. Sämmtliche Disciplinar-Untersuchungen dieser Art 
seien bis dahin an städtische Beamte übertragen gewesen und auf diese 
Weise sei fast noch jeder Angeklagte beseitigt worden, wunderbarer— 
weise seien dies aber immer Leute seiner Gesinnung gewesen. Er 
führt eine Reihe von Beispielen an, in welchen nach seiner Behauptung 
Lehrer, die fortschrittlicher Färbung waren, keinerlei Anfechtungen zu erleiden 
gehabt, obwohl sie sich sehr unschöne und unmoralische Thaten hätten zu 
Schulden kommen lassen, während bei viel geringeren Anlässen antisemitische 
Lehrer kassirt worden wären. Eine weitere Behauptung geht dahin, daß der 
Schulinspektor Dr. Zwick dritten Personen gegenüber von seinem heißen 
Wunsch, den Angeklagten gestürzt zu sehen, keinen Hehl gemacht, ja versprochen 
habe, sich Denjenigen dauernd zu merken, der dazu beitragen würde. Die 
Vertreter der städtischen Schuldeputation hätten ihn in seiner finanziellen 
Noth unter dem Deckmantel der größten Liberalität mit vielen vergifteten 
Nadelstichen zu Tode gemartert, Schulinspektor Dr. Zwick habe den Hof an 
Hof mit ihm wohnenden Rektor Fietz veranlaßt, täglich ganz genaue Kon— 
trole-Notizen über ihn (den Angeklagten) zu machen und darüber Berichte 
anzufertigen, man habe seiner Schule immer die schlechtesten Kinder zu— 
geschickt, andererseits sei ein Theil der seiner Schule überwiesenen Lehrer 
direkt für ihn ausgewählt worden, bei Beschwerden habe er oft gar keine 
Antwort erhalten und sei fried- und rechtlos geworden. Dem Schulinspektor 
Dr. Zwick geht der Angeklagte überhaupt auf vielen Seiten seines Druckhefts 
scharf zu Leibe. Einem anderen Lehrer hält er vor, daß er von einem 
„höheren Schulbeamten“ zu einem Schurkenstreich gegen ihn angeftiftet 
worden sei. Die Erzählungen aller dieser Vorgänge und Erlebnisse des 
Angeklagten füllen viele Seiten und sollen mit vielen angeblichen Beleidi— 
gungen gegen die verschiedensten Personen durchsetzt sein. Daneben macht 
der Angeklagte in seinem Druckheft Betrachtungen über die in der städtischen 
Verwaltung herrschende politische Sklaverei und die Tyrannei des Fortschritts— 
ringes. Der Angeklagte behauptet unter anderm, es sei von Beamten des 
Magistrats Lieferanten versichert worden, daß sie, wenn sie die politische Ge— 
sinnung wechselten und zur Fortschrittspartei überträten. die Lieferung für
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.