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Full text: Wilhelm Stolze / Mellien, Marie (Public Domain)

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Seit Stolzes Berufung in das Vorsteheramt treten keine bedeut⸗ 
samen Veränderungen, keine bestimmenden Ereignisse mehr umgestaltend 
oder störend in sein Leben. Am Ziel seiner Wünsche, für einen Beruf 
arbeitend, der ihm lieb und seiner Anlage entsprechend war, umgeben von 
bewundernder Anerkennung, von Verehrung und Liebe einer immer zahl— 
reicher werdenden Jüngerschar, — der Vielgeprüfte hätte jetzt glücklich und 
vollbefriedigt sein können, wenn nicht fortdauernd schweres häusliches Leid 
immer wieder düstere Schatten in sein Dasein geworfen hätte. In weiter 
Ferne lag hinter ihm die poesieverklärte selige Zeit seines Liebesfrühlings, 
dem selbst neunjähriges Warten und Harren den sonnigen Glanz nicht 
trüben konnte, und nur kurze Zeit war ihm und seiner Auguste das stille, 
friedlich bescheidene Glück beschieden gewesen, das die Guten, Genügsamen 
sich ersehnt hatten. Schon als junge Frau erkrankte sie an einem hart— 
näckigen Gehörleiden, das schließlich zu völliger Taubheit führte. Aber 
noch Furchtbareres sollte ihr und den Ihren beschieden seinl Im 
Jahre 1848 gesellte sich eine Erkrankung der Augennerven dazu, die trotz 
des Rats und der Hülfe der berühmtesten Augenärzte sich so verschlimmerte, 
daß die unglückliche Kreuzträgerin auch noch das Licht der Augen verlor 
und nun, abgeschlossen von der Welt des Klanges wie des Scheines, in 
doppelter Finsternis einsam und hülflos einherwandelte. Ihre einzige 
Tochter, die hochbegabte, liebenswürdige Marie, deren Bild uns noch 
bezaubert durch die zarte Regelmäßigkeit der Züge und den weichen, seelen— 
bollen Blick der großen, strahlenden Augen, verfiel infolge eines heftigen 
Falls auf den Hinterkopf in epileptische Krämpfe, die allmählich zu 
schwerem Siechtum und geistiger Umnachtung führten. Erst im Mai 1864 
erlöste der Tod die Ärmste von ihrem qualvollen Leiden, das auch für die 
Ihrigen eine Quelle beständiger angstvoller Besorgnis gewesen war. Frau 
Auguste schleppte ihr jammervolles Dämmerleben noch bis 1866 hin, 
und erst zehn Tage vor dem Gatten schloß sie die müden, lichtlosen Augen 
für immer. 
Solch unerhörtes Leidensgeschick lastete auf den Schultern des treff—⸗ 
lichen Mannes und ließ, wie in den Zügen seines scharfgeschnittenen 
geistvollen Gesichts, so in seinem Gemüt, in seinem ganzen Wesen tiefe, 
nachhaltige Spuren zurück. Unter dem lähmenden Druck seiner zerrütteten 
Häuslichkeit, deren einzige Stütze der kräftig und gesund aufblühende 
einzige Sohn war, der mit rührender Pflichttreue die Pflege der Leidenden über—
	        
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