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Full text: Wilhelm Stolze / Mellien, Marie (Public Domain)

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steher des Stenographischen Bureaus im deutschen Reichstag, der vor nunmehr 
35 Jahren als junger Hilfsarbeiter in Stolzes Bureau eintrat. 
Freilich waren die Kammersessionen zu jener Zeit lange nicht so 
stoffreich, ausgedehnt und anstrengend wie heutzutage, wo in den Monaten 
der Etatsberatung Tag für Tag Sitzungen stattfinden und gar nicht 
selten auch noch die Nacht zu Hülfe genommen werden muß, um die un— 
geheure Arbeitslast zu bewältigen! 
Damals ging alles gemächlicher, in gewisser Weise — gemütlicher zu; 
nur ein- oder zweimal wöchentlich wurde getagt, und fand etwa noch eine 
dritte Sitzung in derselben Woche statt, so rügten die Herren Abgeordneten 
ernstlich solche „Ueberbürdung“. Trotzdem war unseres Freundes Amt 
keine Sinekure; er nahm seine Aufgabe immer sehr ernst, begleitete, wie 
schon oben berichtet, die Kollegen stets in den Sitzungssaal und steno— 
graphierte eifrig mit, leitete außerdem abends, wenn den andern „die 
Vesper schlug“, die Korrekturen mit peinlichster Gewissenhaftigkeit, die viel— 
leicht nicht ganz frei von Pedanterie war; denn, wie uns einer seiner 
Kollegen aus dieser Zeit erzählt, brauchte er dazu die halbe Nacht — 
manchmal bis 1 oder 2 Uhr nach Mitternacht. Dazu kam, daß sein Amt 
ihm ausdrücklich die Verpflichtung auferlegte, „dafür zu sorgen, daß es der 
Kammer nie an ausreichenden, brauchbaren Stenographen fehle!“ Er mußte 
also durch Abhaltung regelmäßiger Unterrichtskurse selbst den jungen steno— 
graphischen Nachwuchs sich heranbilden. Dieser mühevollen, aber dem 
alten Schulmeister werten Aufgabe unterzog er sich mit strenger Pünkt— 
lichkeit, und erst in den letzten Jahren seines Lebens entschloß er sich 
schweren Herzens, auf die persönliche Leitung dieser Kurse zu verzichten. 
Hält man nun daneben, was er gegen Martini über seine „ganz Deutsch— 
land umfassende Stenographische Korrespondenz“ äußerte; bedenkt man, daß 
er rastlos im stillen an der Vervollkommnung seines Werkes arbeitete, daß 
er in der 1847 gegründeten Prüfungskommission, in seiner Lieblingsschöpfung, 
dem „Stenographischen Verein“ (dessen Vorsitzender er von 1853 bis 1864 
war), eine rege Thätigkeit entfaltete, dabei auch einer der eifrigsten Mit— 
arbeiter an dem „Archiv für Stenographie“ (der ersten Stolzeschen Zeit— 
schrift, gegründet 1849), war, so wird es uns klar, daß sein Leben reich 
ausgefüllt sein mußte und er wohl das Recht hatte, ein späteres berühmtes 
Kaiserwort antizipierend, — auszurufen: „Mir bleibt zum Kranksein 
keine Zeit!“ (Brief an Winter in Deersheim, 29. März 1854).
	        
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