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Full text: Wilhelm Stolze / Mellien, Marie (Public Domain)

geschickt in dem Moment, wo seine Erfindung sich aufs glänzendste bewährt 
hatte! — Stolze entfärbte sich, sank auf einen Stuhl und starrte stumm 
dor sich hin — er war wie vernichtet!“ Seine Kollegen, auch „die zum 
Bleiben Begnadigten“ (wie Kreßler siq, ausdrückt), teilten des Meisters 
Schmerz und Entrüstung und waren anfangs fest entschlossen, eine Bevor— 
zugung, die ihnen sehr unverdient erscheinen mußte, nicht anzunehmen, also 
sämtlich ihre Stellen im Stenographischen Bureau niederzulegen. Bald 
aber trat eine kühlere, besonnenere Auffassung an Stelle der Erregung des 
ersten Augenblicks; man sagte sich, daß eine solche Sezession wie eine 
Flucht oder doch ein Rückzug vor den Gabelsbergeranern erscheinen müsse, 
und beschloß, mutig auszuharren auf dem halb verlorenen, jedenfalls stark 
gefährdeten Posten und weiter zu arbeiten, solange es dem Minister und 
den Dresdener Herren gefiele, oder bis die gute Sache, für die sie alle 
kämpften, endlich siegte. Mit diesem Beschlusse, der das Ergebnis längerer 
eingehender Beratung war, erklärte sich auch Stolze selbst einverstanden, 
der inzwischen die gewohnte Ruhe und Gelassenheit völlig wiedergefunden 
hatte. Für sich selbst war er zu dem festen Entschlusse gekommen, gegen 
die ihm zugefügte Ungerechtigkeit, die unverdiente schwere Kränkung zu 
protestieren, von der Behörde Beweise für seine „Unfähigkeit“ zu fordern 
und, falls ihm diese versagt werden sollte: seine Wiedereinsetzung zu ver— 
langen oder, wenn ihm jede Genugt, Aweigert würde, die gericht— 
liche Klage gegen den Fiskus anzustrengen. 
Wie zu erwarten war, wurden Stolzes Forderungen, die seine 
Kollegen warm unterstützten, nicht erfüllt; mehrere Eingaben an den 
Minister und zuletzt ein Immediatgesuch an den König („Seine Majestät 
mögen geruhen, die ferneren Dienstleistungen der vier entlassenen Steno— 
zraphen beim Vereinigten Landtage zu befehlen“ wurden abschläglich be— 
chieden. 
Von „Gründen“ und „Beweisen“ war nirgends die Rede; die Antwort 
lautete jedesmal kurz ablehnend, „daß es bei der Verfügung des Ministers 
sein Bewendc. kihcte“ Seine Schicksalsgenossen Strahlendorff, 
o. Brandenste: An Stärcke fügten sich nun mut- und hoffnungslos 
ins Unvermeidlich. Stolze aber wollte den Kampf um sein Recht bis 
aufs äußerste fortsetzen und beschritt, wie er schon in jener ersten Stunde 
erklärt hatte, nunmehr den Weg der Klage. Die von ihm selbst außer— 
ordentlich geschickt, klar und sachlich abgefaßte Klageschrift ist vom 29. Of
	        
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