Path:
Aus Ferdinandens Briefen an ihren Bruder Ferdinand 1831-1834 und die Verlobung

Full text: Ein Lebensbild, aus ihren Aufzeichnungen und Briefen zusammengestellt für ihre Enkel und Urenkel / Trendelenburg, Ferdinande (Public Domain)

80 
doch nicht leugnen, daß ich beim ffnen jedes Briefes ängstlich zu— 
—0— 
Wäret Ihr doch nur einen einzigen Tag bei uns aus dem öden 
Berlin mit seinem Staub und der Cholera heraus hier in unserm 
auch im Verwelken noch freundlichen Walde, in der warmen, wohligen 
Abendsonne, und wäre alles, alles einmal so recht schön!! 
Aber es ist wohl Übermut, mehr als Bewahrung vor Unglück 
zu wünschen — drum noch ein zufriedenes Lebewohl von Eurer treuen 
Schwester Ferdinande. 
Den 4. Dezember 1831. 
Dr. Helmsdörfer kommt oft und ist zögernder Natur, d. h. er 
kann nicht wieder weg und bleibt oft über Nacht oben in dem leeren 
Zimmer. Es fängt an, uns ein wenig befangen zu machen, weil er 
in wissenschaftlicher Hinsicht garnicht zum Vater paßt. (Er ist ganz 
Poet, hält also mehr auf die Schriften in fremden Sprachen, als auf 
ihre grammatischen Formen.) Darum ist er immer im Gespräch mit 
dem Vater bald zu Ende, und dann wendet er sich mehr als sonst 
in unserm Hause Sitte ist an uns und philosophiert sehr viel mit 
uns (was wir so nennen). Auch liest er uns zuweilen ein kleines 
Gedicht vor, entweder seine Übersetzung aus dem Persischen, oder alt— 
deutsche Lieder von Walther von der Vogelweide, die uns sehr ent— 
zücken. Helmsdörfer beobachtet ungeheuer scharf und schnell — be— 
spricht auch die Personen sehr viel, selbst in ihrer Gegenwart, was 
der Vater, wie du wohl weißt, gar nicht leiden kann. Ungeachtet 
dieser dem Vater ganz entgegenstrebenden Eigenschaften hat Vater ihn 
sehr gern; es kommt auch noch dazu, daß Helmsdörfer in einer sehr 
unangenehmen Lage ist. Er hofft auf eine Stelle an der Frankfurter 
Bibliothek, hat aber bis jetzt noch keine Anstellung, also auch kein 
Geld. Er kann sich auch nicht recht darum bewerben, denn er ist 
einer von den poctischen, unendlich guten Menschen, die wohl andern, 
aber nicht gut sich selbst helfen können; überhaupt hat er eine Men— 
schenfreundlichkeit und Milde, wie man sie nicht leicht wieder findet. 
— Du kannst Dir nun vielleicht denken, daß wir gespanut waren, zu 
sehen, wie er und Trendelenburg sich zusammen finden würden. Sie 
*) Friedrich und spüter auch Bernhard Becker besuchten das Joachimsthalsche 
Gymmagsium in Berlin und lebten dort unter Ferdinands brüderlicher Aufsicht.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.