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Aus Ferdinandens Briefen an ihren Bruder Ferdinand 1831-1834 und die Verlobung

Full text: Ein Lebensbild, aus ihren Aufzeichnungen und Briefen zusammengestellt für ihre Enkel und Urenkel / Trendelenburg, Ferdinande (Public Domain)

Chinesisch studiert. Er ist äußerst geistvoll und gelehrt, wird aber 
dem Vater den Umgang mit Dr. Trendelenburg in seiner ruhigen 
Klarheit'und Einfachheit wohl nicht ersetzen. 
Den 3. September 1831. 
Dr. Trendelenburg kam heute heraus und brachte uns mehrere 
Rezepte gegen die Cholera mit unter anderem zwei Bibelverse — 
Jes. Sirach XXXI, 22-24; XXXVII, 32. 33, welche in der Ur— 
sprache wörtlich auf die Cholera hindeuten sollen. 
Möchte Euch doch heute auch die Sonne so freudig aufgegangen 
sein und Euch einen so friedlichen, glücklichen Sonntag bringen, als 
wir heute erwarten können!! So ruhig wird er, wenigstens bei Fer— 
dinand, nicht sein; wenn Dir, lieber guter Bruder, aber nur die innere 
Ruhe recht bleibt, so wird ja die äußere, so Gott will, auch bald 
wiederkehren. Als ich gestern in der Zeitung las, es sei erst ein 
Kranker wicder hergestellt, dachte ich, es könnte wohl gerade das 
sechsjährige Kind sein, dem Du das Bad verordnet hast. Schreibe 
uns ein wenig, wie es mit Deinen Patienten geht — das ist ja die 
einzige kleine Freude dabei, daß wir denken können, Du hast mit 
Gottes Hilfe Menschen das Leben gerettet!! 
Den 28. September 1831. 
Mein liebster Ferdinand! 
Wie gerne hätte ich Deinen lieben freundlichen Brief schon am 
Sonntage beantwortet. Er war uns eine rechte Erquickung nach einem 
an sich herrlichen Tage, der uns aber gar zu viel Frankfurter Besuch 
und noch außerdem Graf und Gräfin U. zu Mittag gebracht hatte. 
Der Graf ist, wenn man ihn, wie Vater sagt, ohne Liebe und Haß 
beurteilt, ein sehr charakterloser Hofmann, vor dem wir Mädchen noch 
immer ein heimliches Grauen haben. Wir sind an solche kalte, diplo⸗ 
matische Besuche schon gewöhnt, aber es ist schade, wenn sie gerade 
an einem so warmen, sonnigen Sonntage kommen da fühlt man den 
Abstich der schönen Natur und der unschönen Unnatur gar zu grell. 
Es war uns also abends recht wohl, als wir am Fenster in das 
herrliche Abendrot, das dem Nordschein glich, schauten und Eure 
trauten Briefe lasen. Glaubt nur, daß wir Euch recht danken, daß 
Ihr in dieser unruhigen Zeit unser so fleißig gedenkt — ich kann
	        
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