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Überliefertes und Erlebtes von Ferdinande Trendelenburg

Full text: Ein Lebensbild, aus ihren Aufzeichnungen und Briefen zusammengestellt für ihre Enkel und Urenkel / Trendelenburg, Ferdinande (Public Domain)

Laden, um mich zu wecken. Ich stand gern früh auf, um vor dem 
Frühstück ein Stündchen für Klavierübungen zu gewinnen. Anne, das 
Hausmädchen, ließ es sich ganz respektvoll gefallen, daß ich ihr in 
dem drawing-room die Kramersche Klavierschule vorspielte, während 
sie den Staub abwischte. 
Die Wintermonate verliefen ganz gut; ich suchte den beiden 
Mädchen, so gut ich konnte, im Deutschen und in der Musik förderlich 
zu sein. Auch bei etwas deutscher Handarbeit suchte ich ihnen zu 
helfen, nahm auch mit der Jüngsten, Mary, die Anfangsgründe im 
Italienischen vor und klärte sie bei Gelegenheit über 8/, und /5 auf, 
was ihr dunkele Begriffe waren, während Martha in Logarithmen 
bewandert war. Sie hielt Algebra für so unerläßlich, daß ich glaubte, 
mich auch damit befassen zu müssen. Ich setzte mich zu diesem Stu— 
dium mit einem Buch in ein Eckchen, während die beiden Mädchen 
ihre Stunden Latein und Griechisch bei Mr. Torrence hatten, der 
zweimal wöchentlich kam, eine düstere traurige Erscheinung, wohl ein 
Stockgelehrter (oder gelehrter Stock.. Wenn er kam und ging, blieb 
man im Zweifel, ob er lebendig sei, oder ob man eine Erscheinung 
gehabt, und ebenso leblos klang auch sein Unterricht, indem nur Wort 
für Wort übersetzt wurde. — Mit meiner Algebra ging's unterdessen 
auch nicht brillant. Ich konnte mir die Sache allenfalls klar machen, 
bekam aber jedesmal dabei Kopfweh; und da wir zu Hause unsere 
einfachen Rechnungen ohne diese Künste machten — und ich hatte 
mich im Rechnen für den Haushalt schon versucht — so gab ich das 
Studium auf und las statt dessen englische und deutsche Schriftsteller. 
Wir hatten im Zimmer eine gute Bibliothek, auch deutsche klassische 
Werke. Klopstocks Messiade las ich pflichtmäßig und wollte mich gern 
dafür begeistern; so recht gelang es aber nicht; ich kam nur bis zum 
siebenten Gesang. Ich war überhaupt eine schlechte Leserin; die 
Sachen wurden mir meist erst lieb und lebendig, wenn sie mir per— 
sönlich zugeführt wurden. Hatte Mrs. Somerville eine Stelle, eine 
Gestalt aus W. Scott, Shakespeare oder anderes erwähnt, dann sprach 
es mich lebendiger an und wurde mir lieb. Und sie that das oft, 
wenn sie vor oder nach dem Essen — nach gethaner Arbeit — bei 
uns am Kamin stand und während des Gesprächs in dem ungewöhnlich 
kalten Winter abwechselnd Füße und Rücken zu erwärmen suchte. Die 
Unterhaltung blieb mit ihr immer in sehr angenehmem Fluß, denn 
Frau Somerville war durchaus klar und heiter, in allem bewandert
	        
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