Path:
Gesammeltes aus Briefen der Großmutter Ferdinande

Full text: Ein Lebensbild, aus ihren Aufzeichnungen und Briefen zusammengestellt für ihre Enkel und Urenkel / Trendelenburg, Ferdinande (Public Domain)

Logik, der natürlichen — aber in der Moral und Metaphysik scheint 
mir ihr Maß niemals auszureichen, und wer damit alles messen will, 
scheint mir vermessen. Das werfe ich nun dem Autor durchaus nicht 
vor, man blickt in eine durchaus demütige, fromme Seele — aber 
seine Arbeit ist mir zu schwer. Ich habe großes Mitgefühl mit allen 
Theologen. Man möchte jedem zu seinem Beruf eine besondere Ader 
von Gottes Gnaden wünschen — etwas von M. Luther — sonst ist 
es mißlich. 
Es hängt so viel von der Person des Geistlichen ab. Ich bin 
meinem alten Superintendent Roediger noch heut dankbar für seinen 
recht dürftigen Konfirmationsunterricht, denn ich wurde niemals in 
der Ehrfurcht gestört und mir wurde nichts aufgedrungen. 
Ach wie schwer werden die theologischen, die kirchlichen und Ge— 
meindefragen jetzt! Wir Älteren arbeiten uns wohl durch; mir ist es 
seit langen Jahren klar geworden, daß sich jedem seine Kirche in seinem 
eigenen Herzen aufbauen muß. Aber uns und auch Euch, den jüngeren 
Generationen, ist in der Kindheit und frühen Jugend dazu ein Funda— 
ment gelegt, auf dem das Leben weiter baut. Bei dem jetzigen Stand 
der Dinge, bei dem achtungswerten Streben nach Wahrheit und Klar— 
heit fallen aber so viel Bausteine des alten Fundaments weg. Die 
Lehrer haben eine zu schwere Aufgabe, und für die heranwachsende 
Jugend ist es auch recht schwer, sich durchzuarbeiten durch so ver— 
schiedene Auffassungen. Für das Kirchlein im Herzen sind nicht alle 
gemacht; viele können erst spät dazu reifen. Die Jugend hat den 
schönen Zug zur Gemeinschaft. Als ich gestern in der Täglichen 
Rundschau von einer Rede O. Pfleiderers las, hatte ich den Eindruck, 
daß mit diesem Lossprechen von allen Dogmen unsere ganze Kirchen— 
gemeinschaft aufgehoben wird, und viele Gemüter, die der Gemein— 
schaft nicht entbehren können, zur katholischen Kirche Zuflucht nehmen 
verden. 
Eure beiden Jungen stehen mir vor Augen als echt evangelische 
Chorknaben, und sie erinnern mich an Fridolin., den frommen Knecht,
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.