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Gesammeltes aus Briefen der Großmutter Ferdinande

Full text: Ein Lebensbild, aus ihren Aufzeichnungen und Briefen zusammengestellt für ihre Enkel und Urenkel / Trendelenburg, Ferdinande (Public Domain)

Der Zweck des Lebens ist nicht, amüsiert zu werden, sondern 
seine Pflicht erkennen und üben zu lernen. Die Schulpflichten sind 
vorüber — nun oinmen die Pflichten der LZiebe und Dankbharkeit, 
die das Herz se71 suchen und finden muß. Das geht freilich nicht 
ohne eigenes Denken — was unbequem ist. Aber so viel soll und 
muß ein Mädchen denken, wenn sie auch wenig Geist und Interesse 
don Natur hat. Und diese Gedanken, das Suchen und Finden der 
Pflicht, weckt und erweitert auch den Geist und das Interesse. Wir 
Menschen gedeihen nicht ohne schwere Pflichten und Notwendigkeit; 
die „liebe Not“ ist unsere treueste Mutter und Erzieherin; denn sie 
lehrt uns Hilfe suchen und die ewige Liebe erkennen, die uns aus 
höchster Quelle und in allen lieben Menschen die Hand reicht, damit 
wir wieder dem Nächsten dic Hand reichen und nach seinem Leid 
fragen lernen — nicht sturune 57* vorbei gehen, wie Parzival 
heim König Anfortas. 
Es kommt wohl dareuf an daß der rechte große Hebel in Be— 
wegung gesetzt wird, ich meinc, daß die rechte Vernunft erwacht, die 
das Leben verstehen lernt und merkt, daß zur rechten Frende und 
Freudigkeit der Genuß alles Schönen und Herrlichen nicht ausreicht, 
sondern daß die rechte Befriedigung nur dem wird, der im Dienst 
Gottes ein wirklich lebendiges Menschenglied, in Liebe für andere 
thätig ist — und daß besonders für uns Frauen kein anderer Weg 
ist. Viele junge Mädchen, die recht tüchtige, fleißige Mütter haben 
und selbst recht fromm und gut sind, wissen davon noch gar nichts 
und haben nie davon geträumt. Ist die wahre Lebensaufgabe und 
Lebensfreude klar geworden, so bekomnt jede Vorbereitung dazu und 
somit die Zeit anderen Wert von innen heraus — und der jugend— 
liche Frohsinn, ja selbst Übermut, braucht darum nicht gedämpft zu 
werden. Musik, Jugend und Humor werden durch keine Rücksichten 
und pflichtmäßigen Schranken esstickt, sie finden ihren Weg und kommen 
desto gesunder und kräftinc, herver wenn sie sich haben ducken müssen. 
Ich stimme ganz mit meines Vaters Grundsatz überein: ge— 
währen lassen! Entschieden fordern, was zur Pflicht und schuldigen 
Rücksicht gehört, sonst aber die eigene Natur möglichst unbewußt
	        
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