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Gesammeltes aus Briefen der Großmutter Ferdinande

Full text: Ein Lebensbild, aus ihren Aufzeichnungen und Briefen zusammengestellt für ihre Enkel und Urenkel / Trendelenburg, Ferdinande (Public Domain)

Meine Bibliothek wird mehr und mehr meine Freundin, da ich 
eigentlich erst in den letzten 10 —15 Jahren lesen gelernt habe. Meine 
ganze Bildung hat ja in Brosamen bestanden, die von der Herren 
Tische fielen, und für mich klage ich nicht darüber; denn sie sind mir 
gut bekommen. Gott hatte dazu empfänglichen Boden, gesundes Auge 
und Ohr geschenkt. Und wenn ich nun der Jugend wieder Brosämchen 
streuen möchte, so ist in den Seeclen meiner Enkel der allerdankbarste, 
empfänglichste Boden. 
Ich lese nichts lieber, als was mich in alte Zeiten versetzt: die 
neue mit ihren subtilen Erfindungen, insofern sie nur einen reicheren 
Lebensgenuß zum Zweck haben — und mit ihrer zum Teil verwil— 
derten, ausgearteten Litteratur lasse ich meist links liegen nach dem 
Wort meiner Mutter: „Wer keine Himmelsthür aufzuthun weiß, lasse 
das Höllenthor verschlossen“. Jetzt erquicke ich mich oft an alten 
Briefen, in denen so viel Jugend steckt. Ihr habt Eure alten Onkel 
lieb, aber es ist schade, daß Ihr sie nicht jung gekannt: Theodor war 
wie ein frischer Bach. Es sind dann nicht nur Familiengedanken, die 
mir die Briefe bringen: wir leben ja immer als ein Teil des Ganzen 
in Vaterland und Welt und fühlen die Schwingungen der Zeit, die 
die Gemüter treibt und hebt; schon jetzt freue ich mich darauf, dies 
Paradiesesthor von Freundschaft, Jugend und geistigem gesunden Leben 
und Streben auch Dir einmal zu öffnen. 
Es kommen mir manche recht einsame Tage; aber sie werden mir 
nicht zu lang, auc ohne neuere Lektüre; mein Bücherschrank birgt 
noch viele mir bis jetzt ungehobene Schätze; manches bringt mir jetzt 
zanz anderen Ertrag als in meiner frühen Jugend, wo so viel an 
mir vorüberging, da immer die Musik mein Erstes und Liebstes war.
	        
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