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Gesammeltes aus Briefen der Großmutter Ferdinande

Full text: Ein Lebensbild, aus ihren Aufzeichnungen und Briefen zusammengestellt für ihre Enkel und Urenkel / Trendelenburg, Ferdinande (Public Domain)

Die breitere „Kunstschule“ mit allem Drum und Dran ist etwas sehr 
Mißliches: es ist schwer, daß ein Mensch dabei gedeiht und glücklich 
wird. Ich glaube, nur wo wirklich innere Musik ist und lebt, sollte 
man ihr Nahrung geben, und mäßig, damit das übrige geistige Wachs⸗ 
tum nicht dadurch beeinträchtigt wird. Ein wahres Genie würde sich 
nachher doch Bahn brechen ohne den vielen Kram, gelehrten Wust und 
jlußerlichkeil, dic oft jetzt auch bei mittelmäßiger Begabung so mit— 
Jeschluckt werden muß und dem ganzen Menschen nicht dienen kann. 
Deine freundliche Sendung (Professor W. Voigts Vortrag über 
die Kirchenmusik J. S. Bachs) gehört für mich nicht zur bequemen 
Lektüre und brachte mir viel weit abschweifende Gedanken. Was ich 
schon öfter gefühlt habe, das ist mir an Bach klar geworden: mein 
ganzes unwissendes, ungebildetes, ja von Kind auf ganz verwildertes, 
ungeschultes Wesen, in dem so eine Art von Naturmusik, aber über— 
haupt gar kein Sinn und Verständnis für Kunst irgend welcher Art 
steckt. Mir fehlen alle Vorstufen, um zur Musik als Kunst hinan— 
zureichen, und da hilft in meinem Alter all mein Recken und Strecken 
aichts mehr. Ich ahne oder sehe in der Ferne das gelobte Land, aber 
ich gelange nicht mehr hinein. Ich kann mich nur noch an dem er— 
freuen und erbauen, was mir nach und nach vertraut geworden ist 
— dem künstlerischen Werden und Aufbau kann ich nicht folgen — 
benso wenig wie in anderen Künsten: Dichtung, Malerei, Architektur. 
Aber doch ist es mit achtundsiebzig Jahren noch immer gut, wenn 
nan kleine Aufgaben vor sich sieht. Karoline hat mir die wunder— 
schöne Symphonie aus dem Weihnachtsoratorium abgeschrieben; daran 
will ich jetzt lernen. Ich habe daran viel mehr als an Bachs Sara— 
banden, so tüchtig und lieblich sie auch sind. Diese Melodie des Weih⸗ 
aachtsoratoriums klingt mir wie ein stiller, danlbarer Jubel im Ohr 
und begleitet mich überall; ich habe nach meinein langen Leben wohl 
Grund, in solche Töne innece einzustimmen.
	        
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