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Gesammeltes aus Briefen der Großmutter Ferdinande

Full text: Ein Lebensbild, aus ihren Aufzeichnungen und Briefen zusammengestellt für ihre Enkel und Urenkel / Trendelenburg, Ferdinande (Public Domain)

pflegt und festgehalten wird und nie verloren gehen darf. Nur, was 
nan innerlich singt, kann (and solltc) man spielen. 
Es ist ja gut gemeint, den Fleiß der Kinder an die Steinklopf— 
arbeit der Etüden zu wenden, und ich will keine Lehrerin tadeln, die 
sie aufgiebt, aber „Eines schickt sich nicht für alle“, das gilt auch von 
der Musik, die so viele Felder und Regionen hat. Jede Seele, die 
nach Musik dürstet, muß sich ihr kleines Eckchen suchen und mit Liebe 
anbauen. Dann hat sie etwas davon und kann am Ende auch andere 
ꝛrfreuen. 
Die musikalische Richtung der Neuzeit will mir oft gar nicht 
gefallen; sie ist ein mächtiger Strom geworden, und die Jugend denkt 
nicht und weiß nicht, wohin er führt. Mit der wütenden und toten 
Technik, die so eifrig betrieben wird, (ich höre sie durch die Wand und 
möchte um die liebe Musik und um die gemarterten Nerven der so 
Spielenden weinen) wird oft viel wirklich Musikalisches ertötet und 
verdorben. 
An den kleinen Haydnschen Sonaten (die ich Euch hier sende) 
kann man auch Sicherheit und Geläufigceit lernen und mit Freuden! 
Laß sie an Stelle der ausgekünstelten Übungen treten, bei denen die 
Kinder schwitzen und seufzen müssen; und Du selbst, mein liebes Kind, 
kannst Dir auch gelegentlich ohne Anstrengung eine heitere Beruhigung 
— Seelenfrieden — wie aus milder Abendluft herausholen. Man 
könnte es ja „leichte Ware“ nennen im Vergleich zu Becthoven, 
Schumann und Brahms, für den sich jetzt schon Kinderohren begeistern 
— und ich auch! Aber laß doch bei den Kindern die Sturm- und 
Drangperioden nicht so früh Fuß fassen! 
Ich freue mich, daß die liebe Musika in meinen Kinderhäusern 
lebt und floriert — möge sie Euch allen eine liebe Hausfreundin sein 
und bleiben, wie sie es mir noch ist. Aber laßt ihr nicht den Zügel 
schießen, damit sie sich im Leben und im Charakter nicht zu breit macht.
	        
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