Path:
Das letzte Jahrzehnt

Full text: Ein Lebensbild, aus ihren Aufzeichnungen und Briefen zusammengestellt für ihre Enkel und Urenkel / Trendelenburg, Ferdinande (Public Domain)

immer nur so kurz beisammen und da konnte ich ihr nicht nah kommen. 
Sie hatte vielleicht in mir nur die strenge Großmutter gesehen, die Du, 
mein liebes Kind, ja auch schon in Deinen ersten Jahren (wohl auch 
unter Thränen!) erfahren hast. Aber da wir länger miteinander ge— 
lebt und geteilt haben, hast Du doch wohl auch früh gemerkt, daß 
ich es trotzdem gut mit Euch meine und daß neben meinem lieben 
Kinderkreise Ihr Enkelkinder mir das Liebste auf Erden seid und 
bleiben werdet — so Gott will! Es wächst mir nun eins nach dem 
andern heran zu der schönsten — oder doch höchsten — menschlichen 
Gemeinschaft, die mein alter verehrter Vater Nitzsch immer in der 
Freundschaft erkannte, weil alle, auch die schönsten verwandtschaftlichen 
Beziehungen dazu heranreifen 'ollen, wie auch der Herr Jesus sagt, 
daß wir seine Freunde werden 'ollen. 
Ich freue mich für W., daß er noch eine Weile im Vaterhause 
bleibt, wo ihm viel Liebes und Gutes zu teil wird. Tritt er erst 
ins Leben hinaus, so ist das doch anders, als bei euch Mädelchen, 
die Ihr nach einigen Monaten heimkehrt und heimisch bleiben könnt, 
und dann, gereift und bereichert, um so besser Euer liebes Plätzchen 
am häuslichen Herd bei Eltern, Geschwistern und Freunden ausfüllen 
könnt. Immer kann's ja nicht beim Alten bleiben: die Welt steht 
nicht still und wir müssen gar manche Wandlungen mitmachen und 
dazu auch liebe Gewohnheiten unterbrechen. Zuerst pflegen die Eltern 
die Kinder — und der Mutter ist das ihre liebste Aufgabe, von der 
sie sich schwer wieder entwöhnt. Aber unvermerkt wird Verhältnis 
und Bedürfnis anders und die Kinder wachsen zur Stütze und Pflege 
der Eltern heran, und wohl ihnen, wenn ihnen das zu rechter Zeit 
klar und eben so zur lieben Pflicht wird, wie sie es von den Eltern 
haben üben sehen. 
An Emma Kühn. 
Im November 1892. 
Die Tage sind oft recht dunkel und trübe und mir werden die 
Augen dunkel wie dem alten Isaak, nicht daß ich besonders darüber 
zu klagen hätte, aber es macht sich doch dies und das Alter im 
ganzen mit jedem Jahr mehr fühlbar und erneut immer wieder die 
schwere Aufgabe, das Wollen mit dem Können in Einklang zu bringen.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.