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Das letzte Jahrzehnt

Full text: Ein Lebensbild, aus ihren Aufzeichnungen und Briefen zusammengestellt für ihre Enkel und Urenkel / Trendelenburg, Ferdinande (Public Domain)

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In den Trostworten unseres alten Paul Gerhardt werden uns 
schon als Kind im voraus in guten Tagen künftige Nothelfer mit— 
gegeben, an denen wir uns in schweren Tagen aufrichten und stählen 
sollen. 
Ru Minna Michaelis. 
Meine Hand war so sehr unsicher zum Schreiben, die Glieder 
so müde und das machte mich selbst stutzig. Man muß sich dann mit 
72 Jahren doch bereit halten das Gewehr zu strecken, wenn es sein 
sollte, und Du weißt, mir fehlt in dieser Beziehung die Phantasie. 
Fühle ich mich matt und muß unthätig sein, so ist mir, als könnte 
es nicht wieder anders werden, und habe ich dann wieder etwas frische 
Kraft, dann thut's mir auch so wohl mich regen zu können, daß ich 
in Gefahr komme, das rechte Maß zu überschreiten. Ach, ich lasse 
und ließe mich so gern ein wenig tyrannisieren, wenn ich nur noch 
ein Töchterchen so ganz um mich hätte, die ein liebes Scepter führte! 
An Minna Pansch. 
Februar 1884. 
Ich will Dir nur berichten, daß ich schon vor etwa zwei Jahren 
an stillen Abendstunden auf Antrieb der Kinder angefangen habe, Er— 
innerungen aufzuzeichnen und in letzter Zeit damit vorgerückt bin bis zum 
Jahr 1830. Ich ging sehr blöde daran, da ich sonst nie Trieb zum 
Schreiben hatte; aber je mehr ich mich hinein vertiefen konnte, desto 
mehr erwachten und drängten mich die Bilder der alten Zeit, so daß 
ich wohl oft viel zu ausführlich und breit geworden bin. Vieles ließ 
ich unberichtet; man erlebt ja zu Wunderbares, was schon den nächsten 
Jahrzehnten unbegreiflich ist, und ohne zu vertuschen oder unwahr zu 
werden soll man den Mantel der Liebe immer zur Hand haben. 
Unsere Mutter wollte ja nur „die Himmelsthore“ geöffnet haben, und 
deren sind auch in unserm Leben viele aufgethan; die wollen wir 
andern wieder zu öffnen suchen. Dazu stimmt ein Lied, das der alte 
Vater Schmieder für seine Familie gedichtet hat. Er hat am Sonn— 
tag sein 90. Jahr vollendet. Der Greis giebt uns ein Beispiel, wie 
wir mit dem höheren Alter uns zu höheren Regionen sollen erheben 
lassen, wo wir reinere Himmelsluft atmen und wo alle Schmerzen 
und Sorgen des Erdenlebens, denen wir enthoben werden sollen, wie 
Nebel unter uns liegen.
	        
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