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1872-1883

Full text: Ein Lebensbild, aus ihren Aufzeichnungen und Briefen zusammengestellt für ihre Enkel und Urenkel / Trendelenburg, Ferdinande (Public Domain)

kein eigentlicher Unterricht. Daß ich unser lustiges kleines Klärchen 
so gar nicht kann tanzen und springen lassen, wie ich es noch mit 
Ernst gethan, sie auch gar nicht heben und warten kann, ist mir recht 
hart. Ich kann ihr nur ein Weilchen als Lehnsessel dienen, sie aber 
auf keine Weise versorgen. Ich komme zu der schmerzlichen Erkennt— 
nis, daß ich nur noch Großmutter a. D. sein kann. „Alles Ding 
währt seine Zeit!“ 
An Minna Michacrlis. 
Den 24. November 1881. 
Friedrich hat, da ich an seinen einfachen Sinn appellierte — so 
wie ich die Behandlung kleiner Gebrechen von meinen Eltern her ge— 
wohnt bin — mich völlig freigesprochen, mir alle Quacksalberei und 
alles künstliche Wesen, mit dem mir von manchen Seiten gewinkt (ge— 
droht) wurde, erlassen, und dafür bin ich ihm herzlich dankbar. Allen 
Respekt vor Kunst und Wissenschaft! aber bei Mutter Natur ist einem 
doch am wohlsten, wenn's noch so geht. Ich will lieber dies und 
das aufgeben, weil die Jahre es verlangen, als durch allerlei Appa— 
rate und Prozeduren, die am Ende das Altwerden doch nicht auf— 
halten können, Leib und Seele vor der Zeit gefangen geben. Um so 
mehr fühle ich täglich, wie ich Gott zu danken habe, daß er mich nach 
io manchen Zeiten der Schwachheit so gesund erhalten und mir einen 
solchen Reichtum von lieben Kindern, Enkeln und Angehörigen ge— 
schenkt und bisher erhalten hat! 
An Minna Pan'sch. 
Den 2. Dezember 1881. 
Herzlich danke ich Dir für Deinen lieben Brief und alle treuen 
Wünsche, die mir der liebe Gott zum Teil schon erfüllt hat, indem 
ich mit besserem Lebensmut in mein neues Jahr eintreten konnte, als 
ich die letzten Monate hatte. Ob es gerade an der Zahl 70 hängt, 
weiß ich nicht; ich bin in solchen Dingen wenn auch nicht ganz un— 
gläubig, doch auch nicht sehr gläubig. Es rollt eben im Leben alles 
so weiter, ebbt und flutet und bewegt sich unter mancherlei Ursache 
und Wirkung, die sich nicht immer nennen läßt. Noch weniger läßt 
sich dem ausweichen, und nach meinem Gefühl kommt es besonders 
darauf an, daß sich das rechte Gleichgewicht zwischen Kraft und Auf— 
gabe und damit die Harmonie nach innen und außen immer wieder
	        
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