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Überliefertes und Erlebtes von Ferdinande Trendelenburg

Full text: Ein Lebensbild, aus ihren Aufzeichnungen und Briefen zusammengestellt für ihre Enkel und Urenkel / Trendelenburg, Ferdinande (Public Domain)

auch zu blöde zu fragen, eine schlechte Gewohnheit, die wohl daher 
kam, daß ich fast nichts schulmäßig gelernt hatte und mir immer be— 
wußt war, nicht zu wissen, was alle wohlerzogenen Leute wissen 
müssen. Schlossers hatten keine Kinder; es war daher außer den bei— 
den kleinen Knaben, die zu Gast waren, kein jugendliches Leben im 
Haus — aber doch ein nicht ganz junges Mädchen: Ida Trost, eine 
Katholikin mit schwarzen Augen und feierlich klassischer Gestalt. Sie 
versah kleine Tochterdienste im Hause, schnitt allerliebste Butterbrötchen 
und brachte die Krumen den Hühnern, schlug auch Zucker, und ich 
sah sie dabei mit Bewunderung in der ganz patenten Speisckammer 
hantieren. Alles war da so blank, niedlich und vollständig, wie ich 
es nie gesehen. Im Haus sprach man von Ida wie von einer Hei— 
ligen, weil bei einer Krankenpflege von ihr durch Aufblick und Gebet 
wunderbare Kräfte ausgegangen seien. Ich staunte sie mit Ehrerbie— 
tung an; nach einem klaren Urteil über all diese Dinge habe ich da— 
mals nicht gesucht und niemanden befragt; mich verlangte nur, unter 
all den Eindrücken recht gut und fromm zu werden. Meine sehr ge— 
sunden weltlichen Frenden hatte ich an der überschwenglichen Menge 
herrlicher Trauben aus Garten und Weinberg, an einer Fahrt auf 
dem lustigen Neckar, und endlich, als die Reisenden von Nizza an— 
langten, an meinem Bruder Ferdinand, der mein Stolz und meine 
ganze Liebe war. Ich freute mich an seinem gewandten, lebendigen 
Wesen und daran, daß er allen wohlgefiel. 
Unser häuslicher Kreis erweiterte sich immer mehr, sowohl durch 
Ausländer, die dentsch lernten, als durch Deutsche, meist verwöhnte, 
Derzogene Knaben, mit denen ihre Eltern nicht fertig zu werden wußten, 
und die bei uns mit meinen vier jüngeren Brüdern erzogen wurden. 
Die Aufgabe war nicht leicht; ein eigentliches Pensionat zu gründen, 
lag meinem Vater fern, er war mit immer größerem Eifer bei seinen 
Sprachstudien, gab den Ausländern deutschen Unterricht und trieb auch 
mit den Knaben Grammatik. Auch Naturgeschichte, Botanik nach Linnsé— 
schem System und Mineralogie wurden vorgenommen; wir brachten 
rohe Kartoffeln mit in die Stunde, die zurechtgeschnitten wurden, um 
uns die verschiedenen Kristallformen daran zu zeigen. Auch Pflanzen 
wurden untersucht und eingelegt, und wir Mädchen wurden dabei als 
Unterlehrer für die kleinen Knaben angeöstellt. 
Täglich wurden nachmittags weite Spaziergänge unternommen, 
Pflanzen und allerlei Getier mitgebracht, untersucht und gepflegt. Ein
	        
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