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1872-1883

Full text: Ein Lebensbild, aus ihren Aufzeichnungen und Briefen zusammengestellt für ihre Enkel und Urenkel / Trendelenburg, Ferdinande (Public Domain)

An Nanna Stahl. 
Den 24. Oktober 1878. 
Frau Twesten, die mich im Juni so dringend aufforderte, sie 
im Winter öfter zu besuchen, ist gestorben. Frau Encke wird wohl 
bald nachfolgen, dann sind alle hinüber, die ich in Berlin vorgefunden 
habe, und ich bin die Älteste in unserm ganzen weiteren Kreise. Ich 
sage mir das und habe kein Verlangen, es mir zu verhehlen, aber 
zur Empfindung will es mir nicht kommen, so lange mich der liebe 
Gott so gesund und beweglich erhält. 
Wolle Gott mir ein langsames Hinsiechen ersparen. Nicht sterben 
können, wenn die Zeit da ist, wenn Leib und Seele müde und fertig 
sind, das ist ein schrecklicher Zustand. Bis jetzt hat es der liebe Gott 
mit mir so gnädig und freundlich gemacht, daß das Herz voll von 
lauter Dank kaum für Bitten Raum hat. Ich befehle alles in Gottes 
Vaterhände. 
Am 22. August starb in Oldenburg Adolf Trendelenburgs älteste 
Schwester Marianne Lentz im 82. Lebensjahr. Ferdinande schreibt einen 
Monat später (nachdem der Hausrat der Tante in die Häuser ihrer 
Nichten übergegangen war) aus Wehau: 
Hier sitzen wir jetzt an dem großen Tische, an dem ich 1840 
den ersten Mittag neben Lentz saß — es tritt mir dabei alles wieder 
so lebendig entgegen, der Eindruck, den der prächtige, liebe alte Herr 
auf mich, die sich noch blöde und unreif fühlende Schwägerin, machte 
— und Marianne selbst daneben, die liebe Seele, so lebhaft in ihrer 
Freude, ihren Wünschen, dadurch aber oft auch in so lebhaftem Kampf 
mit ihren Stimmungen neben Lentzens unerschütterlicher klarer Ruhe. 
Wie ist ihr ganzes Wesen mit den Jahren bis ins hohe Alter hinein 
gereift und klar und still geworden und hat doch dabei die jugendliche, 
fast kindliche Wärme und Frische bewahrt bis zuletzt, wo alle lebhaften 
kleinen Wünsche der Jugend sich in ein großes Daukgefühl und Dank— 
gebet aufgelöst haben. 
Mit 19 Jahren war Marianne dem bedeutend älteren Manne nach 
Oldenburg gefolgt, und ihr lebhaftes Interesse war nun während 64 Jahren 
ganz mit dieser Stadt, ihren Freunden, den Wohlthätigkeitsanstalten und 
Vereinen verwachsen. Sie hatte einen großen Kreis treuer Freunde, die 
Mariannens regen Geist, ihr jugendlich liebendes Herz und ihre auf— 
»pfernde Freundschaft hochschätzten und zugleich die originelle Seite ihres 
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