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1872-1883

Full text: Ein Lebensbild, aus ihren Aufzeichnungen und Briefen zusammengestellt für ihre Enkel und Urenkel / Trendelenburg, Ferdinande (Public Domain)

nicht ängstlich, wenn er auch fürs erste noch schmal bleibt — er wird 
eben der Mutter nachschlagen wie die meisten ersten Söhne.“ 
Man muß Großmutter Ferdinande an das Bettchen eines kleinen 
Neugeborenen haben treten sehen, wie sie ihm das Kißchen zurechtrückte, 
wie sie ihm mit milder Stimme zusprach: es lag in alledem nicht nur 
der Ausdruck hingebender Liebe, sondern auch etwas wie Ehrfurcht vor 
der kleinen Menschenknospe, diesem heiligen Geheimnis, das uns anver— 
traut ist. Ter harmlose Ausdruck, mit dem der Berliner ein kleines Kind 
bezeichnet: „das kleene Wurm“, brachte Ferdinanden in vollcu Harnisch. 
Sie sagt: „Ich will keine Behauptung über die menschliche Natur auf— 
stellen, aber ich sehe immer wieder, wie wir älteren, im ordinären Leben 
verstaubten Menschen die Kinder aus ihrem Himmelsleben herunterziehen 
und es trüben. Ich freue mich, wenn ihr jungen Mütter dafür Auge 
und Sinn habt, und in den Kindern das Schöne, was ihnen Gott in 
das Herz gelegt hat, glaubt und es ihnen bewahren helft.“ Weil Fer⸗ 
dinande von dem Grundsatz ausging, daß vieles Schlechte erst von außen 
dem Kinde nahe gebracht, viel Gutes mit Leichtigkeit früh in ihm geweckt 
werden könne, darum wollte sie die erste Kinderpflege mit so großem 
Ernst, mit Gewissenhaftigkeit und Vernunft gehandhabt sehen. Sie stimmte 
dem Wort eines Pädagogen zu, daß die Schläge, womit ein Kind nach 
dem vierten Lebensjahre gestraft werde, den Eltern zukämen, dafür, daß 
sie ihr Kind bis dahin nicht besser erzogen hätten. 
Wiewohl manches selbstverständlich scheinen mag, führen wir hier 
noch in kurzem aus, wie Ferdinande in der Praxis ihre Grundsätze durch— 
führte. Vielleicht läßt eine unberatene junge Mutter sich gern von der 
dewährten alten Hand auf einen guten Weg leiten. 
In der Umgebung eines kleinen Kindes durfte nie Wortwechsel oder 
erregtes Gespräch geführt werden: heftiges Schreien des Kindes suchte Fer— 
dinande durch mildes Zureden und sanftes Nlopfen mit der flachen Hand 
zu begütigen und forschte nach jeder Falte oder Beengung der kleinen 
Hlieder, die Unbehagen schaffen konnte. Tas Kind durfte aber nicht 
herumgetragen werden und sich nicht vor der bestimmten Zeit eine Mahl— 
zeit erzwingen. Sie glaubte nicht an die Eifersucht, welche Kinder em 
ofinden sollen, wenn ein Jüngeres der Hauptgegenstand der Pflege wird. 
Indem sie das Kind früh zu Liebe, zu Mitteilen und Nachgeben erzog, 
wehrte sie dem Egoismus. Nie durfte ein Ausspruch des Kindes in 
seiner Gegenwart wiederholt, nie ein Kind im Spiel, in das es vertieft 
war, unnötig angesprochen und darüber berufen werden. Ferdinande gab 
dent Kind auf jede — auch die wunderlichste — Frage mit freundlichem 
Ernst Bescheid und verwies der schwachen Mutter in solchem Fall unan— 
gebrachtes Lachen. In der Unbefangenheit sah sie überhaupt das wahre 
Paradies der Kinder, aus dem sie nur durch Schuld ihrer Umgebung 
bertrieben würden. Zärtlichkeitsbezeugungen, Küssen und Liebkosen ließ 
Ferdinande nicht aufkommen: auch das Beschenken und „Mitbringen“ hielt 
ie nicht für gut. Sie schreibt: „Gewöhne die Kinderlein recdhst volles.
	        
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